PA: Exklusiver Bericht von Aktion gegen den Hunger: Zwei Drittel der Menschen in hoher akuter Ernährungsunsicherheit leben in nur zehn Ländern
Anlässlich des Welternährungstags am 16. Oktober veröffentlicht Aktion gegen den Hunger den „Hungerkrisen-Report 2026“. Der Bericht zeigt: Weltweit litten im Jahr 2025 rund 266 Millionen Menschen in 47 Ländern unter hoher akuter Ernährungsunsicherheit. Damit hat sich die Zahl der Betroffenen innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. Besonders alarmierend: Zwei Drittel davon leben in nur zehn Ländern.
- 266 Millionen Menschen waren 2025 in 47 Ländern von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. (Das bedeutet kein verlässlicher Zugang zu ausreichender und angemessener Nahrung und dadurch eine Gefährdung von Gesundheit, Lebensgrundlagen und Leben). An chronischem Hunger leiden sogar 645 Millionen Menschen.
- 177 Millionen Menschen, die von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sind, leben in nur zehn Ländern. Sie machen rund zwei Drittel der weltweiten Gesamtzahl von hoher akuter Ernährungsunsicherheit aus.
- – 59 Prozent: Rückgang der humanitären Hilfe für den Ernährungssektor in Krisenkontexten zwischen 2022 und 2025.
- Zwei Hungersnöte: 2025 wurden Hungersnöte in Teilen des Gazastreifens und des Sudan bestätigt.
- 30 Millionen: Zahl der Kinder, die in den analysierten Ländern unter akuter Mangelernährung leiden.
Nigeria, die Demokratische Republik Kongo und der Sudan verzeichnen die höchste Zahl von Menschen in hoher akuter Ernährungsunsicherheit. Allein in diesen drei Ländern leben nahezu ein Drittel der Betroffenen. In den zehn größten Ernährungskrisen der Welt leiden insgesamt 177 Millionen Menschen unter hoher akuter Ernährungsunsicherheit. Die Zahl der Menschen, die von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sind, hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt, während die humanitäre Hilfe für Ernährungssicherheit in Krisenkontexten seit 2022 um 59 Prozent zurückgegangen ist.
„Hunger konzentriert sich zunehmend auf wenige Länder, die gleichzeitig von Konflikten, Vertreibung, Klimaschocks und dem Zusammenbruch grundlegender Infrastruktur geprägt sind. Diese Krisen verstärken sich gegenseitig und treiben Millionen Menschen in die Not“, erklärt Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger.
Nigeria, DR Kongo und Sudan führen die Rangliste an
Der erstmals von Aktion gegen den Hunger auf Deutsch veröffentlichte Bericht erstellt ein Ranking der zehn Länder mit der höchsten absoluten Zahl von Menschen, die unter hoher akuter Ernährungsunsicherheit leiden. Grundlage sind Daten des Global Report on Food Crises (GRFC) sowie die Hunger Hotspots-Analysen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und des Welternährungsprogramms (WFP), ergänzt durch die Beobachtungen und Analysen der Teams von Aktion gegen den Hunger vor Ort.
Die zehn größten Ernährungskrisen weltweit im Jahr 2025 sind (gemessen an der Zahl der Menschen in hoher akuter Ernährungsunsicherheit):
- Nigeria (30,6 Mio.)
- Demokratische Republik Kongo (27,7 Mio.)
- Sudan (24,6 Mio.)
- Jemen (18,1 Mio.)
- Afghanistan (17,4 Mio.)
- Myanmar (16,7 Mio.)
- Bangladesch (16,0 Mio.)
- Pakistan (11,0 Mio.)
- Südsudan (7,8 Mio.)
- Syrien (7,2 Mio.)
Neu in der Rangliste ist der Südsudan. Dort sind inzwischen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Rückläufige Zahlen bedeuten keine Entwarnung
Gegenüber 2024 sank die Zahl der von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen in diesen zehn Ländern von rund 197 auf 177 Millionen. Dieser Rückgang sollte jedoch nicht als Zeichen einer Verbesserung verstanden werden. Maßgeblich sind vor allem Datenlücken.
Einige wichtige Krisenländer konnten in der aktuellen Erhebung nicht berücksichtigt werden, darunter Äthiopien, wo im Vorjahr rund 22 Millionen Menschen von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen waren. Gleichzeitig erschweren Kürzungen der humanitären Finanzierung die Erhebung verlässlicher Hungerdaten.
Immer weniger Hilfe für immer mehr Menschen
Während der Bedarf steigt, gehen die verfügbaren Mittel für die Bekämpfung von Hunger zurück. Die Finanzierung humanitärer Ernährungshilfe in Krisenkontexten sank zwischen 2022 und 2025 um rund 59 Prozent und liegt damit wieder auf dem Niveau von 2016/17. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Menschen in hoher akuter Ernährungsunsicherheit verdoppelt.
Wie groß die Finanzierungslücke ist, zeigen beispielhaft diese Zahlen für 2025: In Syrien waren lediglich 15,9 Prozent des Bedarfs finanziert, in Myanmar 26 Prozent, in der Demokratischen Republik Kongo 28 Prozent sowie im Sudan und Südsudan jeweils 45 Prozent.
„Wir sind zunehmend gezwungen, lebenswichtige Programme einzustellen, während der Unterstützungsbedarf gleichzeitig wächst. Oftmals können wir nur noch lebensrettende Soforthilfe leisten, während wir langfristig angelegte Projekte beenden müssen, die Menschen dabei helfen, widerstandsfähiger zu werden und sich selbst zu versorgen. Die Folge ist ein Teufelskreis kurzfristiger Krisenreaktionen: Wir reagieren dann immer wieder auf die gleichen Notsituationen, weil es zu wenig Ressourcen gibt, um die Ursachen von Hunger zu bekämpfen“, warnt Jan Sebastian Friedrich-Rust.
Wasser, Sanitärversorgung und Hunger eng miteinander verknüpft
Die Ernährungskrise ist eine multiple Krise. In vielen der untersuchten Länder verschärfen Konflikte, Vertreibung, Klimaschocks und fehlende Finanzierung bereits bestehende Schwächen bei der Wasser- und Sanitärversorgung. Die Folgen sind ein Teufelskreis aus unsicherem Zugang zu Wasser, Krankheiten und Mangelernährung: Durchfallerkrankungen und Cholera verschärfen den Hunger, während Mangelernährung Menschen anfälliger für Infektionen macht.
Wie gravierend die Folgen sein können, zeigt beispielsweise der Sudan: Mehr als 60 Prozent der Wasseraufbereitungsanlagen sind dort außer Betrieb. Seit Juli 2024 wurden mehr als 123.000 Cholerafälle und über 3.500 Todesfälle registriert. Auch die Demokratische Republik Kongo kämpft mit der schwersten Choleraepidemie der vergangenen 25 Jahre sowie den Auswirkungen der Ebola-Epidemie. Dort haben nur 43 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einer grundlegenden Wasserversorgung und lediglich 15 Prozent zu grundlegenden Sanitäranlagen. Im Südsudan erreichte die Unterstützung bei der Wasser- und Sanitärversorgung nur 519.000 der rund fünf Millionen Menschen, die darauf angewiesen sind. In Afghanistan haben infolge der seit fünf Jahren andauernden Dürre 21 Millionen Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser.
Hungerkrisen brauchen langfristige Antworten
Die Analyse zeigt, dass sich die schwersten Ernährungskrisen auf Länder konzentrieren, in denen Konflikte, Vertreibung, Klimafolgen und politische Instabilität zusammentreffen. Gleichzeitig verhindern Zugangsbeschränkungen und fehlende Ressourcen, dass Hilfe viele Betroffene erreicht.
Aktion gegen den Hunger fordert daher, den humanitären Zugang zu sichern, humanitäre Hilfe verlässlich und langfristig zu finanzieren und gleichzeitig in nachhaltige Lösungen zur Stärkung der Ernährungssicherheit zu investieren.
„Um den Hunger wirksam zu bekämpfen, braucht es mehr als kurzfristige Nothilfe. Die internationale Gemeinschaft muss die Ursachen der Krisen angehen und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen langfristig ein Leben ohne Hunger führen können. Hilfe ist nicht nur eine moralische Verpflichtung. Wer bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe kürzt, handelt kurzsichtig. Denn Hunger, Krisen und Instabilität verursachen langfristig ein Vielfaches mehr als die Kosten der Krisenprävention. Wer heute spart, verschiebt die Rechnung nur auf morgen und macht sie am Ende sogar deutlich teurer“, sagt Jan Sebastian Friedrich-Rust.
Der Bericht steht hier als Download zur Verfügung: https://www.aktiongegendenhunger.de/hunger-report.
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Über Aktion gegen den Hunger
Aktion gegen den Hunger ist eine humanitäre und entwicklungspolitische Hilfsorganisation, die weltweit in 54 Ländern und Regionen aktiv ist und rund 21,2 Millionen Menschen unterstützt. Seit mehr als 45 Jahren kämpft Aktion gegen den Hunger gegen Mangelernährung, schafft Zugang zu sauberem Wasser und gesundheitlicher Versorgung. 7.122 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten Nothilfe und unterstützen Menschen beim Aufbau nachhaltiger Lebensgrundlagen.
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