PA: Sudan: Ein Jahr nach Einnahme durch RSF herrschen in al-Faschir Folter, Haft und Angst

  • Willkürliche Haft, Folter und ständige Überwachung prägen den Alltag
  • Kaum humanitäre Hilfe, hohes Risiko von Mangelernährung bei Kindern
  • Laut humanitären Organisationen vor Ort leben heute weniger als 70.000 Menschen in der Stadt. Vor dem Krieg waren es über eine Million.
  • Amnesty International fordert Waffenstillstand und internationale Schutztruppe

Wien/London, 23. Oktober 2026 – Ein Jahr nach der Einnahme der sudanesischen Stadt al-Faschir durch die Rapid Support Forces (RSF) leidet die Zivilbevölkerung weiterhin unter Haft, Folter und eingeschränktem Zugang zu humanitärer Hilfe. In einem neuen Bericht von Amnesty International berichten kürzlich Geflohene von Schulen als Haftzentren, streng kontrollierter Bewegungsfreiheit und weit verbreiteten rechtswidrigen Tötungen.

„Die Behauptung der RSF, al-Faschir sei nach den grauenhaften Massakern vor einem Jahr wieder sicher für die Rückkehr von Zivilist*innen, könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein“, sagt Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International.

„Über al-Fāschir liegt heute ein Klima allgegenwärtiger Angst. Männer und Frauen leben unter ständiger Überwachung der RSF und in permanenter Gefahr von Haft, Folter und Tötung.“

Freiheit nur gegen Lösegeld

Von den 19 befragten Bewohner*innen hielten die RSF 17 monatelang fest. Die meisten wurden bei der Einnahme der Stadt festgenommen, einige erst bei ihrer Rückkehr, um Habseligkeiten zu holen oder auf der Suche nach vermissten Familienangehörigen. Mehrere gaben an, dass Angehörige bestimmter ethnischer Gruppen, insbesondere der Zaghawa und Masalit, besonders oft festgenommen und misshandelt wurden.

Die meisten Männer wurden in Haftanstalten oder Gefängnissen festgehalten, wo sie Zeugen rechtswidriger Tötungen wurden, Folter und andere Misshandlungen erlitten und kaum Nahrung und Wasser bekamen. Alle wurden erst freigelassen, nachdem Familienangehörige Lösegeld gezahlt hatten oder ihnen die Flucht gelungen war.

Selbst die Zahlung eines Lösegeldes war nicht immer eine Garantie für die Freiheit. Ein 23-Jähriger berichtete, dass die RSF ihn und seinen Vater monatelang in einem bewachten Haus festhielten, auch nachdem Angehörige das Lösegeld gezahlt hatten. Sie mussten unter Zwang Leichen einsammeln und vor laufender Kamera erklären, al-Faschir sei sicher. So sollten andere zur Rückkehr bewegt werden.

Auch andere berichteten von Zwangsarbeit, beispielsweise vom Beseitigen von Leichen und Trümmern aus den Straßen von al-Faschir oder vom Kochen und Putzen für die RSF ohne Bezahlung.

Schulen als Haftorte

Frauen, Kinder sowie ältere oder verletzte Männer wurden in Schulen festgehalten, die de facto als Haftzentren dienten. Nahrung und medizinische Versorgung gab es kaum. Mehrere Frauen berichteten von Mangelernährung ihrer Kinder.

Satellitenbilder, die Amnesty International von Oktober 2025 bis September 2026 ausgewertet hat, deuten darauf hin, dass diese Haftorte in Schulen inzwischen geschlossen sein könnten. Im Shala-Gefängnis und im Haftzentrum Mina al-Bari zeigen sich dagegen weiterhin deutliche Anzeichen menschlicher Aktivität.

Überwachung und drohende Hungersnot

Im September 2026 waren wieder einige wenige Hilfsorganisationen in der Stadt tätig. Laut Befragten überwachten die RSF ihre Bewegungen jedoch genau und verhinderten, dass die Bevölkerung offen mit ihnen sprach.

Hilfsorganisationen zeigen sich besorgt über Unterernährung der Bevölkerung, insbesondere angesichts einer schlechten Ernte. Offiziellen Einschätzungen zufolge ist in den kommenden Monaten in Nord-Darfur, einschließlich al-Fāschir, mit einer Hungersnot der Stufe 5 auf der IPC-Skala – der höchstmöglichen Stufe – sehr wahrscheinlich zu rechnen.

Internationale Gemeinschaft versagt

Die internationale Gemeinschaft hat es verabsäumt, angesichts der verzweifelten Lage der Zivilbevölkerung die notwendigen Schritte zu setzen. Rechenschaft für die Verbrechen in Nord-Darfur gebe es kaum, die Bemühungen um einen Waffenstillstand seien halbherzig. Die sudanesische Armee (SAF) lehnt einen Waffenstillstand und ein erweitertes Waffenembargo ab und setzt auf eine militärische „Lösung“.

„Entscheidend ist, dass die Vereinigten Arabischen Emirate die RSF weiterhin unterstützen, während Regierungen mit entsprechendem Einfluss es weitgehend versäumt haben, ihre Rolle zu benennen, anzuprangern und sie zur Verantwortung zu ziehen“, so Callamard.

Die RSF müssen alle willkürlich Inhaftierten sofort freilassen und Folter, rechtswidrige Tötungen sowie Zwangsarbeit beenden. Amnesty International fordert erneut einen sofortigen Waffenstillstand, eine internationale Schutztruppe und einen Stopp aller Waffenlieferungen an die Konfliktparteien.

Auch die Emirate dürfen keine Waffen mehr erhalten, solange sie entgegen dem UN-Embargo für Darfur die RSF beliefern. Der UN-Sicherheitsrat muss das Embargo auf den gesamten Sudan ausweiten.

Hintergrund

Amnesty International befragte im August und September 2026 insgesamt 25 Zivilist*innen, darunter sechs humanitäre Helfer*innen. Auf ein Schreiben vom 9. Oktober haben die RSF bis zur Veröffentlichung nicht reagiert. Bereits im Juli 2026 hatte Amnesty Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnische Säuberungen der RSF bei der Eroberung der Stadt dokumentiert.