Die Verantwortlichen für den rechtswidrigen US-Angriff auf eine Schule in Minab im Iran, bei dem 168 Menschen getötet wurden, darunter über 100 Kinder, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Das fordert Amnesty International nach einer eingehenden Untersuchung des Vorfalls vom 28. Februar 2026, bei dem 168 Menschen getötet wurden, darunter über 100 Schulkinder.
- Neue Amnesty Untersuchung: Veraltete Geheimdienstdaten und Einsatz von KI führten zu tödlichem Angriff auf vollbesetzte Grundschule, 168 Tote, darunter über 100 Kinder
- USA haben humanitäres Völkerrecht schwerwiegend verletzt: Schule war seit 2016 eindeutig als ziviles Objekt erkennbar
- Amnesty International fordert unabhängige, transparente Untersuchung und strafrechtliche Konsequenzen für Verantwortliche
Die von der Organisation gesammelten Belege (darunter Satellitenbilder, Videoaufnahmen und Interviews mit unabhängigen Quellen) deuten darauf hin, dass die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule zusammen mit 12 weiteren Gebäuden im angrenzenden Komplex der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) gezielt mit Lenkwaffen beschossen wurde. Dies weist auf ein schwerwiegendes Versäumnis der US-Streitkräfte hin, alle zumutbaren Vorkehrungen zur Vermeidung ziviler Opfer zu treffen, ein schwerwiegender Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht.
„Dieser erschütternde Angriff auf eine Schule mit vollen Klassenzimmern ist ein erschreckendes Beispiel für den katastrophalen und vollkommen vorhersehbaren Preis, den Zivilist*innen in diesem bewaffneten Konflikt zahlen. Schulen müssen sichere Lern- und Lebensorte für Kinder sein. Stattdessen wurde diese Schule in Minab zum Schauplatz eines Massenmords. Die US-Behörden hätten wissen können und müssen, dass es sich um ein Schulgebäude handelte. Der gezielte Angriff auf ein geschütztes ziviles Objekt wie eine Schule ist nach humanitärem Völkerrecht strikt verboten“, sagte Erika Guevara Rosas, Senior Director for Research, Advocacy, Policy and Campaigns von Amnesty International.
Amnesty International fordert die US-Behörden auf, die angekündigte Untersuchung unparteiisch, unabhängig und transparent durchzuführen und die Ergebnisse vollständig zu veröffentlichen. Wo ausreichende Beweise vorliegen, müssen Verantwortliche strafrechtlich verfolgt werden. Opfer und Familien haben ein Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und sollten vollständige Wiedergutmachung erhalten, einschließlich Wiederherstellung, Rehabilitation und Entschädigung für erlittenen zivilen Schaden.
Die iranischen Behörden werden aufgefordert, Zivilist*innen aus der Nähe militärischer Ziele zu entfernen, unabhängige Beobachter*innen ins Land zu lassen und den seit dem 28. Februar anhaltenden Internetzugang für 92 Millionen Menschen wiederherzustellen.
Amnesty International zeigt sich zudem besorgt über Berichte, wonach die aktuelle US-Regierung Programme zur Minimierung ziviler Opfer abgebaut sowie leitende Militärjurist*innen entlassen hat, die für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts verantwortlich waren.
Veraltete Geheimdienstinformationen und Einsatz von KI
Amnesty Internationals Analyse von Satellitenbildern zeigt, dass das Schulgebäude bereits seit 2016 durch Mauern und eigene Eingänge physisch vom IRGC-Komplex getrennt war. Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen konnten diesen Status unmittelbar nach dem Angriff rasch verifizieren. Eine vorläufige Untersuchung des US-Militärs, über die die New York Times am 11. März berichtete, bestätigte, dass der Angriff auf veralteten Daten beruhte.
Zusätzlich bestätigte US Central Command-Kommandeur Brad Cooper am 11. März den Einsatz fortgeschrittener KI-Werkzeuge bei der Operationsplanung. Amnesty International betont, dass der Einsatz künstlicher Intelligenz einer sinnvollen menschlichen Kontrolle bedarf und solche Risiken vergrößert, wenn veraltete Daten verarbeitet werden.
„Wenn die Angreifer das Gebäude nicht als Schule erkannt haben und dennoch mit dem Angriff fortfuhren, würde dies auf grobe Fahrlässigkeit bei der Planung des Angriffs und auf ein beschämendes Geheimdienstversagen der US-Streitkräfte hinweisen und auf einen schwerwiegenden Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Wenn die USA hingegen wussten, dass die Schule an den IRGC-Komplex angrenzte, und ohne alle zumutbaren Vorkehrungen vorgingen, etwa durch einen Angriff nachts, wenn die Schule leer gewesen wäre, oder durch eine wirksame Vorwarnung für die betroffene Zivilbevölkerung, käme dies einem rücksichtslosen, unterschiedslosen Angriff gleich und muss als Kriegsverbrechen untersucht werden“, so Guevara-Rosas.
Ablauf des Angriffs
Laut US-Angaben begannen Luftangriffe auf Iran am 28. Februar 2026 um 9:45 Uhr Ortszeit. Der Gouverneur der Provinz Hormozgan gab an, dass die Schule um 10:45 Uhr getroffen wurde. Satellitenbilder vom selben Morgen, aufgenommen um 10:23 Uhr, zeigen Schule und IRGC-Komplex noch ohne sichtbare Schäden. Online veröffentlichte Videos von 11:49 Uhr und 12:00 Uhr zeigen dichten Rauch aus der Richtung des Komplexes.
Satellitenbilder vom 4. März 2026 zeigen, dass die westliche Hälfte des Schulgebäudes zerstört und ein großer Trümmerhaufen sichtbar ist. Mindestens 12 Gebäude im angrenzenden IRGC-Komplex wurden beschädigt oder zerstört. Das Schulgebäude liegt rund 74 Meter vom nächstgelegenen angegriffenen Gebäude im Komplex entfernt. Videos vom Ort zeigen ein charakteristisches Zusammenbrechen des Daches, ein Beweis für einen von oben erfolgten Luftangriff.
Amnesty Internationals Analyse von Videoaufnahmen und Bildern von Raketentrümmern, die iranische Staatsmedien veröffentlichten, deutet darauf hin, dass für den Angriff sehr wahrscheinlich US-amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper eingesetzt wurden.
Bei einer Pentagon-Pressekonferenz am 2. März 2026 bestätigte der Vorsitzende des Vereinten Generalstabs der USA, Dan Caine, dass die US-Marine am 28. Februar Tomahawk-Raketen im Süden Irans abgefeuert hatte. Auf die Frage nach dem Angriff auf die Schule erklärte Verteidigungsminister Pete Hegseth, das Pentagon untersuche den Vorfall. US-Präsident Donald Trump behauptete am 9. März, „der Iran oder jemand anderes“ sei für den Angriff verantwortlich.
Am 10. März 2026 bestätigte ein Sprecher des Weißen Hauses, dass die Untersuchungen des Angriffs auf die Schule noch andauerten und das US-Verteidigungsministerium einen vollständigen Bericht veröffentlichen werde.
Berichte von Zeug*innen
Amnesty International sprach mit Sohrab (Name zum Schutz geändert), einem Bewohner von Minab, sowie mit Shiva Amelirad, der internationalen Vertreterin des Koordinierungsrats der Berufsverbände iranischer Lehrer*innen, die sich außerhalb des Iran aufhält. Beide berichteten, dass das Schulpersonal begann, gegen 10:00 Uhr Eltern zu kontaktieren, noch bevor die iranischen Behörden eine landesweite Schulschließung anordneten. Viele Familien kamen erst nach dem Angriff an der Schule an.
Shiva Amelirad und Sohrab informierten Amnesty International, dass die Schule sowohl Kinder von IRGC-Personal als auch Kinder aus einkommensschwachen Familien der Umgebung besuchen, darunter Angehörige der unterdrückten baluchischen ethnischen Minderheit des Iran.
Nach Angaben der iranischen Behörden wurden bei dem Angriff 168 Menschen getötet. Am 3. März 2026 gab die Nachrichtenagentur Mizan des Justizwesens bekannt, dass unter den Todesopfern mindestens 110 Schulkinder seien – 66 Buben und 54 Mädchen – sowie 26 Lehrkräfte und vier Elternteile. Am 7. März 2026 veröffentlichten die Behörden eine Collage mit den Fotos von 119 getöteten Kindern. Aufgrund des anhaltenden Internetausfalls und fehlender Möglichkeit, das Land zu betreten, um den Ort zu inspizieren und Betroffene zu befragen, kann Amnesty International die Opferzahlen nicht unabhängig bestätigen.
Iranische Behörden instrumentalisieren Kinder und Familien zu Propagandazwecken
Amnesty International dokumentierte auch schwere Übergriffe durch iranische Behörden gegenüber Betroffenen. Familien aus der sunnitisch-baluchischen Minderheit wurden gezwungen, an einer staatlich organisierten Massenbeerdigung am 3. März mit schiitisch-muslimischen Riten teilzunehmen, obwohl sie andere religiöse Traditionen praktizieren. Sie erhielten die sterblichen Überreste ihrer Kinder erst nach der Zeremonie.
Traumatisierte überlebende Kinder wurden zu den Trümmern ihrer Schule gebracht und für staatliche Propaganda gefilmt. In einem am 5. März 2026 online veröffentlichten Video interviewt ein Journalist zwei sichtlich verstörte Mädchen im scheinbaren Alter zwischen 7 und 11 Jahren und fragt das jüngere Kind wiederholt, welche ihrer getöteten Freundinnen und Freunde sie am meisten geliebt habe. Das kleine Mädchen nennt ihre Freundinnen und Freunde und sagt, dass es alle geliebt habe, und fügt hinzu, dass auch die Mutter einer Freundin, die Lehrerin war, getötet worden sei, bevor es in Tränen ausbricht.
In einem weiteren Video wurde ein 10-jähriges Mädchen mit einer sichtbaren Gesichtsverletzung während der Massenbeerdigung über die Tötung ihres 11-jährigen Bruders befragt. Das Interview wurde anschließend am 6. März 2026 im Staatsfernsehen ausgestrahlt
Diese Handlungen der Nötigung, Einschüchterung und Instrumentalisierung sowohl trauernder Familien als auch traumatisierter Kinder verursachen schweres seelisches Leid und können gegen das absolute Verbot von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung verstoßen.
Hintergrund
Am 28. Februar 2026 starteten die USA und Israel eine gemeinsame Militäroperation in Iran. Berichten zufolge wurden bislang im Iran mindestens 1.255 Menschen getötet, im Libanon über 773, in Israel mindestens 12 und in anderen Ländern der Region mindestens 17.
Der Leiter des Informations- und Öffentlichkeitszentrums des iranischen Bildungsministeriums gab am 7. März bekannt, dass mindestens 66 Schulen im Iran beschädigt oder zerstört wurden und es in mehreren Schulen zu Todesfällen unter Schüler*innen gekommen sei.
Am 12. März forderten acht UN-Expert*innen eine unabhängige Untersuchung von Angriffen, die schwerwiegende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht darstellen könnten, darunter ausdrücklich den Angriff auf die Schule in Minab.
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