Amnesty International dokumentiert neun Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren seit Oktober 2025
Hamas-nahe Behörden und bewaffnete Gruppen im von Israel besetzten Gazastreifen richten Menschen hin, die sie der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigen. Diese Tötungen erfolgen ohne jedes Gerichtsverfahren und müssen ein Ende haben, fordert Amnesty International.
Amnesty International hat neun außergerichtliche Hinrichtungen und eine rechtswidrig Tötung durch Hamas-nahe Kräfte untersucht, die unmittelbar nach der Verkündung der Waffenruhe zwischen Israel und Hamas im Oktober 2025 begangen wurden. Hamas-Vertreter*innen gaben an, vorläufige interne Untersuchungen eingeleitet zu haben. Nach Kenntnis von Amnesty International wurde bisher jedoch keine der verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen.
Allein im vergangenen Monat wurden zwei Hinrichtungen angekündigt: Kräfte der Al-Qassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas, verkündeten öffentlich die summarische Hinrichtung (die vorsätzliche Tötung einer Person ohne vorheriges rechtsstaatliches Verfahren) eines Mannes wegen „Spionage für Israel“. Kurz darauf verkündeten sie im Rahmen eines sogenannten groß angelegten Sicherheitseinsatzes innerhalb weniger Tage einen weiteren „Informanten“ hinrichten zu wollen.
„In den letzten Jahren hat die Zivilbevölkerung im Gazastreifen bereits unvorstellbares Leid erdulden müssen. Die Tötungen, Menschenrechtsverstöße und Gräueltaten müssen ein Ende haben. Die Hamas-Behörden müssen unverzüglich dafür sorgen, dass keine weiteren rechtswidrigen Tötungen, Akte der Selbstjustiz und willkürlichen Festnahmen stattfinden. Die Wiederherstellung von Recht und Ordnung darf niemals als Vorwand dienen, um schwere Menschenrechtsverstöße zu begehen, Vergeltungsmaßnahmen durchzuführen oder ganze Familien kollektiv zu bestrafen“, sagt Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Recherche, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International.
„All jene, die für die Anordnung oder Durchführung von außergerichtlichen Hinrichtungen, willkürlichen Festnahmen, Folter und anderen Misshandlungen verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Hamas hat zwar angekündigt, den für die Verwaltung des Gazastreifens zuständigen Ausschuss aufzulösen, doch trägt die Gruppe weiterhin die volle Verantwortung dafür, schwerwiegende Verstöße, durch die ihr unterstellten Stellen bzw. Personen zu verhindern. Hierzu zählen auch die Al-Qassam-Brigaden und der Sicherheitsapparat im Gazastreifen (Selbstbezeichnung: Resistance Security System, „Widerstands-Sicherheitssystem“). Die neue politische Führung der Hamas muss der langjährigen Straflosigkeit für Menschenrechtsverstöße durch ihre Kräfte und verbündeten Gruppen ein Ende setzen und dringend konkrete Maßnahmen ergreifen, um Wahrheit und Gerechtigkeit für die Opfer und deren Familien zu gewährleisten.“
Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission für das besetzte palästinensische Gebiet des UN-Menschenrechtsrats dokumentierte 249 Fälle, in denen Menschen im Gazastreifen zwischen August 2024 und Jänner 2026 außergerichtlich hingerichtet oder schwerer körperlicher Gewalt ausgesetzt wurden. Dabei starben mindestens 108 Menschen. An mindestens 60 dieser Fälle waren mit der Hamas verbundene Kräfte beteiligt. Manche dieser Hinrichtungen wurden öffentlich vollstreckt, gefilmt und auf Plattformen veröffentlicht, die der Hamas nahestehen, vornehmlich Telegram-Kanäle.
Neun außergerichtliche Hinrichtungen und eine rechtswidrige Tötung
Amnesty International dokumentierte acht öffentliche Hinrichtungen von Angehörigen einer Familie im Oktober 2025, eine weitere Hinrichtung am 1. Juli 2026 sowie die rechtswidrige Tötung eines Mannes im Flüchtlingslager Al-Bureij. Grundlage sind verifizierte Fotos und Videos, Gespräche mit elf Angehörigen von Getöteten und zwei Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens sowie eine Auswertung von Angaben der Hamas und von Telegram-Beiträgen ihres militärischen Flügels und verbündeter Gruppen.
Amnesty International legte der Hamas-Führung im November 2025 eine Zusammenfassung der Erkenntnisse vor und stellte im Juli 2026 erneut eine Anfrage. Die Hamas-Behörden erklärten damals, Untersuchungen eingeleitet zu haben, nannten aber keine Einzelheiten. Auf die jüngste Anfrage lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Antwort vor.
Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren im Juli 2026
Am 1. Juli 2026 kündigte der Sicherheitsapparat im Gazastreifen („Sicherheitskräfte des Widerstands“) die öffentliche Hinrichtung eines Mannes in Gaza-Stadt an und beschuldigte ihn, für Israel spioniert zu haben. Nach seiner Hinrichtung wurden der vollständige Name und weitere Angaben zu dem Mann in den Sozialen Medien verbreitet, wodurch seine Familie, auch die Kinder, einer großen Gefahr ausgesetzt wurden.
Dem Mann wurde vorgeworfen, israelischen Streitkräften den Aufenthaltsort hochrangiger Mitglieder der Al-Qassam-Brigaden, darunter deren Militärkommandant Ezziddine al-Haddad, mitgeteilt zu haben. Die Gruppe warf ihm vor, den israelischen Behörden Informationen weitergegeben zu haben, die dazu führten, dass Israel Ezziddine Al-Haddad sowie zahlreiche palästinensische Zivilist*innen tötete.
Acht Männer öffentlich erschossen
Um den 10. Oktober 2025 herum kam es in Al-Sabra in Gaza-Stadt zu Zusammenstößen zwischen Hamas-Kräften und der Familie Dughmush, der vorgeworfen wurde, ein Feldlazarett geplündert und zur Lagerung von Waffen genutzt zu haben. Eine Woche lang umstellten Hamas-Kräfte das Wohnviertel der Familie. Dabei kamen mindestens vier Angehörige der Familie Dughmush und ein Hamas-Mitglied ums Leben. Parallel zu den Zusammenstößen wurden am 13. Oktober 2025 acht unbewaffnete Angehörige der Familie Dughmush unter dem Vorwurf der Kollaboration mit Israel öffentlich außergerichtlich hingerichtet.
Ein Video, das auf Hamas nahen Social-Media-Konten verbreitet und von Amnesty International verifiziert wurde, zeigt acht Männer mit verbundenen Augen und in Fesseln, von denen einige nur teilweise bekleidet waren und Anzeichen früherer Verletzungen aufwiesen. Sie wurden von bewaffneten, maskierten Männern auf einen offenen Platz in der Al-Thalathini-Straße, einer größeren Straße in Gaza-Stadt, geschleppt. Die acht Männer wurden aus nächster Nähe erschossen.
Eine Angehörige, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt wird, sagte gegenüber Amnesty International: „Die acht Männer hatten sich gestellt, nachdem man ihnen ein faires Verfahren versprochen hatte, sie wurden jedoch bereits zwei Stunden später öffentlich hingerichtet.“ Angehörige, die an der Beerdigung der acht Opfer teilnahmen, berichteten Amnesty International, dass die Leichen der Opfer sichtbare Spuren von Folter aufwiesen. Einige Familienangehörige berichteten später, sie hätten Anrufe von Hamas-Vertretern erhalten, die sich entschuldigten und andeuteten, dass einige Personen „versehentlich getötet” worden seien.
Nach Kenntnis von Amnesty International wurde keiner der an den Morden oder anderen außergerichtlichen Hinrichtungen der letzten drei Jahre Beteiligten zur Rechenschaft gezogen. Dazu gehören auch Tötungen von Zivilist*innen aufgrund einer „Verwechslung“ durch bewaffnete Männer, die der Hamas nahestehen.
Ein besonders verstörender Fall ist die Ermordung der palästinensischen Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, Islam Hijazi, deren Auto im September 2024 in Chan Yunis von 90 Kugeln getroffen wurde. Ihrer Familie wurde später mitgeteilt, dass ihre Ermordung auf einer falschen Identifizierung beruhte. Nach Kenntnis von Amnesty International wurde gegen keinen derjenigen ermittelt, die die Schüsse abgegeben oder den Hinterhalt angeordnet hatten.
Rechtswidrige Tötung von Hisham al-Saftawi
Auch im Fall des 57-jährigen Hisham al-Saftawi dokumentierte Amnesty International eine rechtswidrige Tötung. Am 17. Oktober 2025 stürmten rund 30 maskierte Bewaffnete, die sich als Angehörige der Al-Qassam-Brigaden ausgaben, das Haus von al-Saftawi im Flüchtlingslager Al-Bureij. Als er sich der Festnahme widersetzte, schoss ihm einer der Männer in den Rücken. Einen Tag später starb er im Krankenhaus. Gegenüber Amnesty International behauptete die Hamas, dass eine offizielle Untersuchung eingeleitet worden sei und erklärte, er sei bei einem Fluchtversuch „versehentlich erschossen“ worden.
Hintergrund
Seit dem 7. Oktober 2023 haben die Hamas-Kräfte und -Behörden im Gazastreifen parallele Strukturen geschaffen, die fast ausschließlich außerhalb jeglicher rechtlicher Normen agieren. Sie führen regelmäßig – und oft unter Videoaufzeichnung – summarische Bestrafungen gegen Palästinenser*innen durch, darunter auch gegen mutmaßliche Plünder*innen, verhören Dissident*innen und Tatverdächtige an zivilen Orten, führen Razzien in Wohnhäusern durch und bedrohen Familienangehörige von Oppositionellen. Die von Amnesty International zusammengetragenen Beweise stimmen mit den Ergebnissen des Berichts der UN-Untersuchungskommission überein.
Amnesty International hat über viele Jahre hinweg Verstöße der Hamas und ihrer verbündeten Gruppen dokumentiert, darunter außergerichtliche Hinrichtungen mutmaßlicher Kollaborateure, summarische Bestrafungen, Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie das harte Vorgehen gegen friedlichen Widerstand, unter anderem durch Drohungen, Doxxing und Einschüchterung sowie Folter und andere Misshandlungen.
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