Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Recherchematerial „Bis hier und wie weiter?“: SDG 17 – Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Fragestellungen, Institutionen, Expert:innen, Veranstaltungen und Publikationen zum Thema

Ist-Stand

Die Entwicklungsfinanzierung ist in Transformation. Der aktuelle UN-Bericht zur Lage der SDGs konstatiert den Rückzug staatlicher Entwicklungszusammenarbeit. Die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA) sank 2025 um rekordverdächtige 23,1 Prozent auf das Niveau von 2015. Doch wie ist die Lage in Österreich?

Im Sommer stellte Lukas Schlögel, Forscher an der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), nach der Budgetpräsentation des Finanzminister Markus Marterbauer fest, dass Österreichs Entwicklungszusammenarbeit (EZA) vorerst mit einem „blauen Auge“ davongekommen sei. Die Ausgaben für EZA bleiben 2027 auf dem Niveau von 2026, welches bereits gekürzt wurde und sich nun auf 149 Millionen Euro beläuft. Zumindest vorläufig gibt es keine weiteren Einschnitte. Von Aufatmen kann aber nicht die Rede sein. Sieht man die Zahlen im Rahmen der internationalen Verpflichtung, die 1970 in der UNO Generalversammlung beschlossenen wurde und das Ziel mit 0,7% des Bruttonationaleinkommens (BNE) für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit festlegte, sieht es düster aus. Denn 56 Jahre später gibt Österreich noch immer nur 0,33% (2025) seines BNE für Entwicklungszusammenarbeit aus. Und das obwohl auch im aktuellen Regierungsprogramm davon die Rede ist die Quote auf 0,7 % zu heben.

Was hat das österreichische Doppelbudget mit den Sustainable Development Goals (SDGs) zu tun? Das Nachhaltigkeitsziel 17 nimmt unter den 17 Zielen eine besondere Stellung ein. Es geht nicht um einen einzelnen Politikbereich wie Bildung, Gesundheit oder Klimaschutz, sondern um die Voraussetzungen dafür, dass die gesamte Agenda 2030 umgesetzt werden kann. Der Titel von SDG 17 lautet nicht umsonst: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. Die UN fasst unter diesem Ziel die Stärkung der Mittel zur Umsetzung und die Erneuerung der globalen Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung zusammen.

Warum ist SDG 17 relevant?

Die Umsetzung der SDGs hängt wesentlich davon ab,

  • wer Entwicklungsmaßnahmen finanziert,
  • wie internationale Finanzströme verteilt werden,
  • wer Zugang zu Technologie, Kapital und Wissen hat,
  • wie Handels- und Wirtschaftsbeziehungen gestaltet werden,
  • wie viel Einfluss Länder des Globalen Südens auf internationale Entscheidungen haben und
  • ob Staaten, internationale Organisationen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft tatsächlich gleichberechtigt zusammenarbeiten.

Damit ist SDG 17 ein Ziel über Macht, Ressourcen und globale politische Entscheidungsstrukturen. Die Agenda 2030 macht deutlich, dass ein Perspektivenwechsel erforderlich ist: von Hilfe zu Zusammenarbeit, von Paternalismus zu Partnerschaft.

Den Kommentar von Lukas Schlögel finden Sie hier: https://www.oefse.at/publikationen/aktueller-kommentar/aktueller-kommentar-juni-2026/

Worum geht es in SDG 17?

Entwicklungsfinanzierung

SDG 17.1 bis 17.5 beschäftigen sich unter anderem mit der Mobilisierung von Ressourcen für Entwicklung, öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit, privaten Finanzmitteln und Schuldentragfähigkeit. Besonders relevant ist das international vereinbarte Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA) bereitzustellen.

Schulden

2025 schlug das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) bereits Alarm: 56 Länder müssten mehr als zehn Prozent ihrer Staatseinnahmen für Zinszahlungen ausgeben – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Für 17 Länder sind es sogar über zwanzig Prozent. Der Leiter des UNDP, zu diesem Zeitpunkt noch der Deutsche Achim Steiner, befürchtete schon, dass die Schuldenkrise die Entwicklungsfortschritte des vergangenen Jahrzehnts gefährden könnte. Die UNDP rief die internationale Staatengemeinschaft daher zu raschem Handeln auf.

Eine hohe Schuldenlast zwingt viele Länder mit niedrigem Einkommen dazu, drastische Kürzungen bei wichtigen Sozialausgaben (Gesundheit, Bildung) und Infrastruktur vorzunehmen. Reiche Gläubigernationen und private Kreditgeber (z.B.  Banken und Rohstoffhändler) sind nicht bereit, Schulden angemessen zu stunden oder zu erlassen. Sinkende EZA-Gelder, hohe Schulden und ungleicher Zugang zu Investitionen und Technologie gefährden Fortschritte und Entwicklung. SDG 17.4 zielt darauf die Schuldentragfähigkeit zu verbessern und langfristige Lösungen für Finanzierung, Entschuldung und Umschuldung fördern.

Die Presseaussendung der UNDP finden Sie hier: https://www.undp.org/press-releases/ballooning-debt-service-payments-poorest-countries-reach-alarming-levels-undp-warns

Wie weiter? Für Gedanken und mögliche Ideen wie es weitergehen könnte, sorgen die unten gesammelten Veranstaltungshinweise. Etwa der Online-Termin „Another World is Possible: Striving for Equality“ mit Thomas Picketty oder das Vienna Humanities Festival 2026 mit dem diesjährigen Titel: “Agency/Tu Was”, wo Schriftsteller:innen, Philosoph:innen und Professor:innen ihre Analysen zur Lage der Welt teilen.

Fragen für die Recherche

Geld

  • Wer finanziert die Umsetzung der SDGs?
  • Wie groß ist die weltweite Finanzierungslücke?
  • Wie verändert sich die Entwicklungszusammenarbeit angesichts knapper öffentlicher Budgets?

Macht

  • Wer entscheidet über die Prioritäten der Entwicklungszusammenarbeit?
  • Wie viel Mitsprache haben Partnerländer?
  • Sind internationale Finanzinstitutionen demokratisch genug? Braucht es Reformen?

Partnerschaft

  • Was bedeutet Globale Partnerschaft konkret? Gibt es Partnerschaft auf Augenhöhe?
  • Wie werden lokale Organisationen in Projekten beteiligt?

Schulden

  • Welche Länder sind besonders stark verschuldet?
  • Wie viel Geld fließt aus armen Ländern für Schuldendienst ab?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für Schuldenerlässe? Wie werden Entschuldung und Umschuldung gefördert?
  • Wie beeinflussen Schulden die Finanzierung von Klimaschutz, Gesundheit und Bildung?

Institutionen in Österreich

Austrian Development Agency (ADA)
Die Austrian Development Agency (ADA) ist die Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Die ADA setzt jährlich rund 650 Projekte und Programme mit einem Gesamtvolumen von 500 Millionen Euro um, um die Lebensbedingungen in Entwicklungsländern zu verbessern. Das Budget der ADA stellt das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (BMEIA) zur Verfügung.

Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (BMEIA)
Das Ministerium befasst sich mit Entwicklungspolitik, internationaler Zusammenarbeit und multilateralen Beziehungen.

Oesterreichische Entwicklungsbank (OeEB)
Die OeEB handelt im Auftrag der Bundesregierung. Sie finanziert Investitionen privater Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern und ist somit eine Schnittstelle zwischen Entwicklungsfinanzierung und Privatsektor.

Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE)
Die führende österreichische Forschungs-, Beratungs- und Informationseinrichtung liefert Daten und Analysen zur internationalen Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit.

AG Globale Verantwortung
Der Dachverband vertritt national und international die Interessen von 38 österreichischen Nichtregierungsorganisationen, die in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, entwicklungspolitische Inlandsarbeit, Humanitäre Hilfe sowie nachhaltige globale wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung tätig sind.

Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation
Das VIDC ist eine der ältesten entwicklungspolitischen Organisation in Österreich und will eine kritische Öffentlichkeit auf soziale, politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen aufmerksam machen.

Expert:innen

Lukas Schlögel ist Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Entwicklungspolitik, Entwicklungsfinanzierung sowie Technologischer Wandel und Entwicklung.

Asjad Naqvi ist Ökonom und arbeitet seit Juni 2022 in der Forschungsgruppe „Klima-, Umwelt- und Ressourcenökonomie“ des WIFO. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Klimawandel, ökonomisches Wachstum und Ungleichheit.

Andrea Barschdorf-Hager ist Geschäftsführerin CARE Österreich und hat 30 Jahren Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe.

Lukas Wank ist Geschäftsführer der AG Globale Verantwortung, welche als Dachverband national und international die Interessen von 39 österreichischen NGOs vertritt.

Peter Klimek ist ein österreichischer Physiker und Komplexitätsforscher. Für das Supply Chain Intelligence Institute Austria hat er zusammen Asjad Naqvi eine Publikation veröffentlich, die anhand von Daten analysiert wie die die Kürzungen der Gelder durch die USA und die Europäische Union drohen die Verflechtungen zwischen Entwicklungshilfe, Handel sowie humanitären und ökologischen Krisen zu verschärfen.  

Josef Mühlbauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Empowerment for Peace und verbindet Forschung mit gesellschaftlichem Engagement. Auf seinem YouTube-Kanal beleuchtet er gesellschaftspolitische Herausforderungen.

Die spanische Philosophin Máriam Martínez Bascuñán erörtert beim Vienna Humanities Festival die Erosion des gemeinsamen Raums und stellt die Frage: was geschieht mit der politischen Handlungsfähigkeit, wenn die gemeinsame Welt demontiert wird?

Werner Raza ist Leiter der ÖFSE. Der Ökonom ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen und fungierte als Mitglied in Beratungsgremien in den Bereichen Außenhandelsförderung, Entwicklungsfinanzierung und -politik.

Michael Obrovsky ist Kommunikationswissenschafter und wissenschaftlicher Mitarbeiter der ÖFSE. Schwerpunkte seiner Arbeit sind vor allem Themen der österreichischen und internationalen Entwicklungspolitik und Entwicklungsfinanzierung.

Johannes Jäger ist Fachbereichsleiter für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft & Gesellschaft des BFI Wien. Er ist im Bereich Politische Ökonomie und globale Entwicklung tätig.

Publikationen und Datenquellen

Bericht: The Sustainable Development Goals Report 2026

Der Bericht zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung 2026 ist der einzige offizielle Bericht der Vereinten Nationen, der die weltweiten Fortschritte bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung überwacht und liefert aktuelle Daten zur Umsetzung der 17 Ziele. Im Vorwort schreibt der UN-Generalsekretär António Guterres: Der Bericht zeigt […], dass die Fortschritte angesichts erheblicher Gegenwinde – vom Einbruch der Entwicklungshilfe über die wachsende Schuldenlast in Entwicklungsländern, zunehmende Konflikte und das nachlassende weltweite Wirtschaftswachstum bis hin zum Klimachaos und anderen Schocks – weiterhin ungleichmäßig und unzureichend sind.“ Link zum Bericht

Infopage: OECD-Daten zu EZA-Geldern

Die OECD hat in einer Infopage vorläufige ODA-Daten für das Jahr 2025 zusammengetragen und schreibt von einem historischen Rückgang der Gelder. Die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit der Mitglieder und assoziierten Partner belief sich im Jahr 2025 auf 174,3 Milliarden US-Dollar; dies entspricht einem Rückgang von 23,1 % gegenüber 2024. Link

Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII)

Die USA und die EU gehören zu den bedeutenden Gebern von Entwicklungshilfe. Gleichzeitig wächst der politische Druck, diese Hilfszahlungen künftig zu reduzieren. Die Studie von Rosie Hayward, Peter Klimek and Asjad Naqvi untersucht wie ODA und internationaler Handel miteinander verbunden sind, indem Zusammenhänge zwischen importierten Gütern und Arten von ODA analysiert werden. Dabei wurden auch humanitäre Hilfe und Hilfsleistungen berücksichtigt, die üblicherweise nicht mit Handel in Verbindung gebracht werden.
Link zur Studie

Veranstaltungen

23. September: „Another World is Possible“-Onlineveranstaltung mit dem französischen Wirtschaftswissenschafter Thomas Piketty.
Link: https://blogs.brighton.ac.uk/cappe/2026/08/03/cappe-symposium-another-world-is-possible-striving-for-equality-with-thomas-piketty-wednesday-23rd-september-2026/

23. bis 27. September: Das Vienna Humanities Festival 2026 möchte Raum schaffen für die Wiedererlangung unserer Handlungsfähigkeit und hat dafür ein Programm mit namhaften Personen zusammengestellt. Link: https://www.humanitiesfestival.at/

12. Oktober: Hybride Konferenz „After Pax Americana – Pluriverse or Multipolar World Order?“ an der Universität Graz organisiert von Josef Mühlbauer und Ksenia Radchenkova in Zusammenarbeit mit der Lebanese American University, der I.F.A.N. University im Senegal, dem Centre for Critical Peace Studies sowie der Comsats University in Pakistan.
Link: https://global-governance.uni-graz.at/en/research/projects/after-pax-americana/

20. Oktober: Die Historikerin Andrea Komlosy analysiert in ihrem neuen Buch „Globalisierung im Übergang“ das Ende der globalen ökonomischen Einheit. Im Anschluss an die Buchpräsentation folgt eine Podiumsdiskussion.
Link: https://www.pfz.at/aktivitaeten/buchpraesentation-und-podiumsdiskussion-globalisierung-im-uebergang-zerfall-oder-erneuerung-des-weltsystems/

PA: El Niño erhöht Risiken für Kaffeeanbau

Rund um den Tag des Kaffees am 1. Oktober macht FAIRTRADE Österreich auf wachsende Klimarisiken aufmerksam und ruft zu den österreichweiten FAIRTRADE Kaffee Wochen auf.

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) erwartet für die kommenden Monate einen sehr starken El Niño. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Wetterphänomen bis Februar 2027 anhält, liegt laut WMO bei nahezu 100 Prozent. Ein sehr starker El Niño kann Niederschlags- und Temperaturmuster weltweit deutlich verändern und das Risiko für Dürren, Überschwemmungen und extreme Hitze erhöhen. Wie stark einzelne Regionen betroffen sein werden, hängt von Ort, Jahreszeit und weiteren Klimafaktoren ab.

Der internationale Kaffeemarkt zeigt seit Jahresbeginn starke Preisschwankungen. Von November 2025 bis Juni 2026 sank der ICO-Preisindikator für Other Mild Arabicas um rund 25 Prozent, über die Sommermonate folgten wieder zweistellige Zuwächse. Die International Coffee Organization (ICO) nennt die Erwartungen möglicher negativer El-Niño-Effekte und ein kurzfristig knappes Arabica-Angebot als Faktoren für einen Preisanstieg im August. Insgesamt erschwert diese Volatilität die langfristige Planung für Kaffeebauernfamilien in den Anbauregionen.

Klimaanpassung braucht wirtschaftlichen Spielraum

Für Kaffeebäuer:innen bedeuten veränderte Wetterbedingungen höhere Ernteunsicherheit. Gleichzeitig müssen Produzentenorganisationen verstärkt in Klimaanpassung, qualitätssteigernde Maßnahmen und widerstandsfähigere Anbaumethoden investieren. „Extreme Wetterereignisse machen den Kaffeeanbau schwerer planbar. Entscheidend ist deshalb, dass Kaffeebauernfamilien wirtschaftlichen Spielraum haben, um selbst in widerstandsfähigere Anbaumethoden und die Zukunft ihrer Farmen zu investieren. Faire Handelsbedingungen schaffen dafür eine wichtige Grundlage“, sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von FAIRTRADE Österreich.

FAIRTRADE unterstützt Produzentenorganisationen unter anderem mit Mindestpreisen, der zusätzlichen FAIRTRADE-Prämie sowie Beratung und Programmen vor Ort. Ab 1. Dezember 2026 steigt der FAIRTRADE-Mindestpreis für gewaschenen Arabica von 1,80 auf 2,00 US-Dollar pro Pfund. Die FAIRTRADE-Prämie von 0,20 US-Dollar pro Pfund sowie der Bio-Aufschlag von 0,40 US-Dollar pro Pfund bleiben unverändert. Zum Vergleich: Der ICO-Preisindikator für „Other Milds“ lag im August bei durchschnittlich 3,61 US-Dollar pro Pfund. Der FAIRTRADE-Mindestpreis ist kein fixer Verkaufspreis, sondern eine Untergrenze: Liegt der Marktpreis höher, gilt dieser – fällt er darunter, greift der Mindestpreis als Sicherheitsnetz.

FAIRTRADE Kaffee-Wochen rund um den Tag des Kaffees

Die Auswirkungen des El Niño-Wetterphänomens zeigen, wie stark Wetter- und Klimarisiken die Rahmenbedingungen des Kaffeeanbaus beeinflussen. Rund um den Tag des Kaffees am 1. Oktober ruft FAIRTRADE Österreich deshalb zu den FAIRTRADE Kaffee Wochen auf. Von 14. September bis 10. Oktober werden pro Woche unter anderem ein KlimaTicket Österreich und eine Siebträgermaschine verlost.

Denn ob Kaffee auch künftig verlässlich angebaut werden kann, hängt nicht nur vom Klima ab, sondern auch von den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Menschen im Ursprung.

Weiterführende Informationen:

Aviso – Pressekonferenz am Welttag der Humanitären Hilfe: NGOs legen Empfehlungen für Österreichs UN-Sicherheitsratssitz vor

Int. Expert*innen beleuchten am 19. August verheerende Kaskadeneffekte aktueller Krisen – österreichische Hilfsorganisationen regen humanitäres Engagement im Sicherheitsrat an.

Österreich hat für seine zweijährige Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat unter anderem den Schutz von Zivilpersonen und die Einhaltung des Humanitären Völkerrechts zu Schwerpunkten erklärt, zwei der derzeit größten humanitären Herausforderungen.

Bei einer Pressekonferenz anlässlich des Welttags der Humanitären Hilfe am 19. August werden internationale Expert*innen die verheerenden Kaskadeneffekte weltweiter Krisen und Konflikte aus wissenschaftlicher und multilateraler Perspektive beleuchten.

Anschließend legen die Trägerorganisationen des Humanitarian Congress Vienna – AG Globale Verantwortung, Ärzte ohne Grenzen, Caritas Österreich und Österreichisches Rotes Kreuz – konkrete Empfehlungen vor, wie Österreich seine Schwerpunkte im Sicherheitsrat für mehr humanitäres Engagement und die Durchsetzung des Humanitären Völkerrechts nutzen kann.

Sprecher*innen
Joyce Msuya, ehem. beigeordnete UN-Generalsekretärin für humanitäre Angelegenheiten und stellv. Nothilfekoordinatorin (OCHA), online zugeschalten, auf Englisch
Peter Klimek, Komplexitätsforscher am Complexity Science Hub und Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria 
Sabine Wartha, stellv. Leitung Internationale Programme der Caritas Österreich 
Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes
Roland Suttner, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich
Lukas Wank, Geschäftsführer der AG Globale Verantwortung

Details zur Pressekonferenz
19. August 2026, 09:30 Uhr
Presseclub Concordia, Bankgasse 8, 1010 Wien

Bitte melden Sie sich per E-Mail an presse@globaleverantwortung.at an.

Die anwesenden Sprecher*innen stehen anschließend für Interviews zur Verfügung.

Hintergrund
Bewaffnete Konflikte und geopolitische Spannungen, Extremwetterereignisse, Störungen globaler Lieferketten, Preissteigerungen und politische Instabilität verstärken sich gegenseitig. Sie erzeugen weitreichende Kaskadeneffekte und zusätzliche humanitäre Bedarfe.
So beeinträchtigt die jüngste Eskalation rund um den Iran und die Straße von Hormus die zivile Schifffahrt und weltweite Energie- und Lieferketten und wirkt sich in weiterer Folge auf Lebensmittel- und Düngemittelpreise, die Versorgungssicherheit und humanitäre Logistik aus.
Das sich verstärkende El-Niño-Wetterphänomen erhöht in vielen Regionen das Risiko von Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfällen.
Gleichzeitig häufen sich Verstöße gegen das Humanitäre Völkerrecht: Konfliktparteien setzen Aushungern als Kriegsmethode ein, greifen Gesundheitspersonal und medizinische Einrichtungen an und behindern den Zugang notleidender Menschen zu Humanitärer Hilfe. Sie zerstören Nahrungsmittelvorräte, Wasserinfrastruktur und landwirtschaftliche Lebensgrundlagen.
Neue Technologien wie autonome und KI-gestützte Waffensysteme werfen zusätzliche Fragen nach menschlicher Kontrolle und Verantwortlichkeit in Kriegen auf. Diese und weitere humanitäre Herausforderungen werden die Expert*innen bei der Pressekonferenz besprechen.

Rückfragehinweis
Hannah Hauptmann
AG Globale Verantwortung
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
presse@globaleverantwortung.at
01/522 44 22 – 15

      

PA: Begraben unter Altkleidern. Südwind erinnert an Deponie-Einsturz in Uganda

Katastrophe von Kiteezi jährt sich zum zweiten Mal – Menschenrechtsorganisation fordert Maßnahmen gegen Fast Fashion.

Vor zwei Jahren, am 9. August 2024, stürzte ein Teil der Mülldeponie Kiteezi am Stadtrand von Kampala ein und zerstörte mehrere angrenzende Häuser. 35 Menschen kamen ums Leben, über 1.000 haben ihr Zuhause verloren. Zu diesem Anlass gedenkt Südwind den Opfern und fordert von Unternehmen und Abfallwirtschaft mehr Verantwortung für die Entsorgung von Altkleidung.

“Kiteezi muss ein Weckruf sein. Diese Katastrophe wurde durch die europäische Wegwerfgesellschaft mitermöglicht”, sagt Lena Gruber, Südwind-Expertin für Textillieferketten. Jahr für Jahr landen bis zu 100.000 Tonnen Altkleider aus Europa und den USA in Uganda. 40 Prozent davon sind unbrauchbarer Müll, der schließlich auf Deponien wie Kiteezi gekippt wird. Die Folgen sind instabile Halden, auf denen Methan und Giftstoffe freigesetzt werden. “Es liegt auch an uns, Verantwortung für unseren Konsum bis hin zur Entsorgung zu übernehmen. Es kann nicht sein, dass wir unseren Altkleider-Müll in den Globalen Süden exportieren, wo er zur Gefahr für Menschen wird”, so Lena Gruber.

Kiteezi-Katastrophe war absehbar

Die Deponie Kiteezi war längst überlastet. Anwohner:innen in der Nähe der Deponie, die seit Jahrzehnten als größte Mülldeponie von Ugandas Hauptstadt Kampala dient, klagten seit Langem über gefährlichen Abfall, der die Umwelt verschmutzt und eine Bedrohung darstellt. Die Schutzmaßnahmen für die Menschen, die in der Nähe leben oder auf der Deponie arbeiten, sind in der Regel völlig unzureichend. Nach heftigen Regenfällen Anfang August 2024 geriet ein Teil der Deponie ins Rutschen und begrub Menschen und Häuser unter sich.

Forderungen: Vom Müll- zum Kreislaufsystem

Um zu vermeiden, dass gemeinsam mit brauchbarer Altkleidung auch tonnenweise Müll aus Österreich exportiert wird, fordert Südwind den Ausbau von Kapazitäten für die Sortierung von Altkleidung sowie strenge Kontrollen und Sanktionen gegen Falsch-Deklaration und die illegale Ausfuhr von Müll.

Darüber hinaus müsse auch die Überproduktion gebremst werden. Südwind fordert daher einen umfassenden Kurswechsel und konkrete Maßnahmen gegen das Fast Fashion-System. Ein Kernproblem besteht in der fragmentierten Gesetzeslage, die Schlupflöcher, Intransparenz und fehlende Haftung zur Folge hat – auch in Österreich. Südwind fordert daher von der Bundesregierung eine Just Fashion Task Force. Diese sollte Ministerien, Behörden, zivilgesellschaftliche Organisationen vernetzen, um die Wirksamkeit bestehender Gesetze sicherzustellen, Kontrollen zu stärken, bestehende Lücken zu schließen und Transparenz und öffentlichen Informationszugang sicherzustellen. Zusätzlich müssen EU-Richtlinien, die für die Regulierung von Fast Fashion-Anbietern relevant sind – wie etwa Empowering Consumers for the Green Transition oder der Digital Service Act – in Österreich konsequent umgesetzt werden.

Die Südwind-Forderungen für eine gerechte Modeindustrie finden sich online unter: suedwind.at/justfashion

Fotos der Kiteezi-Deponie und des Owino Markt in Kampala finden Sie hier.

Rückfragen & Kontakt

Stefanie Marek
Pressesprecherin Südwind
+43 (0)680 1583016
stefanie.marek@suedwind.at
www.suedwind.at

PA: CARE warnt vor El Niño: 172 Millionen Frauen und Mädchen droht Hunger

El-Niño bedroht die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen weltweit / Die Ausgangslage ist schlechter als beim bislang stärksten Auftreten von El-Niño in den Jahren 2015/16, warnt die Hilfsorganisation CARE.

Im Pazifik bahnt sich möglicherweise das stärkste El-Niño-Ereignis seit Jahrzehnten an – mit gravierenden Folgen für Millionen Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten. Die Hilfsorganisation CARE schlägt Alarm: In den am stärksten betroffenen Ländern sind bereits jetzt 172,3 Millionen Frauen und Mädchen von Ernährungsunsicherheit betroffen. El-Niño droht diese ohnehin prekäre Situation massiv zu verschlechtern.

Kritischere Ausgangslage als 2015/16

Das bislang stärkste El-Niño-Ereignis der jüngeren Geschichte traf 2015/16 rund 60 Millionen Menschen. Die aktuelle Ausgangslage ist jedoch viel schlechter: Konflikte, Epidemien und steigende Lebenshaltungskosten haben die Resilienz der betroffenen Menschen seither erheblich geschwächt – mit besonders gravierenden Auswirkungen auf Frauen und Mädchen. Wetterextreme wie Dürren sowie Überschwemmungen und ihre Folgen für die Ernährungssicherheit könnten bis 2027 anhalten.

Erschwerend kommt hinzu: Unterbrechungen der globalen Lieferketten und Mittelkürzungen machen Hilfsleistungen erheblich teurer und schwieriger. Seit der Schließung der Straße von Hormus sind die Behandlungskosten für ein mangelernährtes Kind um durchschnittlich 403 US-Dollar gestiegen. Allein für die bereits fast sieben Millionen betroffenen Kinder wären dadurch zusätzlich rund 2,75 Milliarden US-Dollar erforderlich – noch bevor sich El Niño vollständig bemerkbar macht.

Stimmen aus den Krisenregionen

„Mehrere philippinische Provinzen haben während des letzten El Niño 2024 den Notstand ausgerufen und sich bis heute nicht erholt. Dieser neue El Niño trifft Menschen, die kaum noch Kapazitäten haben, ihn abzufangen. Auf die aktuelle Dürre werden Prognosen zufolge bald starke Taifune folgen. Ländliche Haushalte, die ohnehin durch steigende Reis- und Kraftstoffpreise belastet sind, müssen so zwei Katastrophen in rascher Folge bewältigen“, sagt Reiza Dejito, CARE-Länderdirektorin in den Philippinen.

„In Somalia hat fast jede dritte Person nicht genug zu essen. Der Hunger wird sich weiter ausbreiten. Die verfügbaren Mittel, um vermeidbare Todesfälle zu verhindern, sind völlig unzureichend. El-Niño-bedingte Wetterextreme werden bestehende Ungleichheiten vertiefen, den Zugang zu Nahrung und Bildung erschweren und das Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt erhöhen. Wir müssen jetzt handeln“, sagt Ummy Dubow, CARE-Länderdirektorin in Somalia.

CARE fordert frühzeitiges Handeln

CARE fordert ein rasches und koordiniertes globales Vorgehen, um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden. Dringend notwendig sind Investitionen in Katastrophenvorsorge und Frühwarnsysteme – insbesondere in den Ländern, die am stärksten von El Niño bedroht sind. „Die Chance, künftigen Hunger zu verringern, hängt davon ab, dass wir handeln, bevor sich eine Krise verschärft – nicht erst, wenn sie bereits ausgebrochen ist“, sagt Marlene Achoki, Expertin für Klimagerechtigkeit bei CARE International.

So hilft CARE: Gemeinsam mit lokalen und frauengeführten Partnerorganisationen stärkt CARE die Krisenvorsorge in den am stärksten gefährdeten Gemeinschaften: durch die Erfassung lokalen Wissens sowie die Entwicklung von Frühwarn- und Frühaktionsplänen, die gezielt auf die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen ausgerichtet sind. Zudem hat CARE bereits den eigenen Early Action Fund aktiviert, der Mittel proaktiv vor dem Eintreffen von Extremwetterereignissen freisetzt – etwa für den Schutz von Ernten und Vieh, Bargeldhilfen sowie den Aufbau klimaresilienter Landwirtschaft.

Für Rückfragen:
Stephanie Weber
Media Officer
CARE Österreich
A-1080 Wien, Lange Gasse 30/4
Tel.: +43 (1) 715 0 715-42
E-mail: stephanie.weber@care.at
Internet: www.care.at

PA: Welternährungsbericht 2026: 645 Millionen Menschen sind von Hunger betroffen

645 Millionen Menschen weltweit leiden an Hunger – das zeigt der Welternährungsbericht, der morgen veröffentlicht wird. Gegenüber dem Vorjahr ist dies zwar ein leichter Rückgang. Von einem Trendwechsel kann jedoch keine Rede sein: Während einige Regionen Fortschritte verzeichnen, verschärft sich die Hungerkrise insbesondere in Afrika. Konflikte, Klimaschocks und drastische Mittelkürzungen drohen die globale Entwicklung erneut umzukehren. 

„645 Millionen Menschen leiden Hunger, obwohl die Welt genug Nahrung für alle produziert. Diese Ungerechtigkeit ist die Folge von Konflikten, Ungleichheit und politischen Fehlentscheidungen. Wir müssen dringend in nachhaltige Ernährungssysteme investieren“, fordert Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger.   

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung in Afrika: Mit 309 Millionen Betroffenen lebt dort erstmals die größte Zahl hungernder Menschen weltweit. Jede fünfte Person auf dem Kontinent ist von Hunger betroffen. 

Das sind die Schlüsselzahlen des Welternährungsberichts 2026 

  • Im Jahr 2025 sind schätzungsweise 645 Millionen Menschen beziehungsweise 7,8 Prozent der Weltbevölkerung von Hunger betroffen. 
  • 309 Millionen Menschen in Afrika leiden unter Hunger. Damit ist jede fünfte Person auf dem Kontinent betroffen. 
  • Weltweit leben 2,1 Milliarden Menschen beziehungsweise 25,8 Prozent der Weltbevölkerung in moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit. Das bedeutet, dass sie keinen regelmäßigen Zugang zu ausreichender Nahrung haben oder zeitweise sogar einen ganzen Tag ohne Essen auskommen müssen. 
  • Frauen bleiben überproportional von Ernährungsunsicherheit betroffen. Zudem leidet inzwischen mehr als jede dritte Frau im Alter von 15 bis 49 Jahren (30,7 Prozent) an Anämie. 
  • Nur 30,8 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis 23 Monaten und 62,7 Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren erreichen weltweit das Mindestmaß an Ernährungsvielfalt. 
  • In Afrika erreichen lediglich 43 Prozent der Frauen und 20,5 Prozent der Kinder die Mindestanforderungen an eine vielfältige Ernährung. 

Gesunde Ernährung bleibt für Milliarden Menschen unerschwinglich 

Der Schwerpunkt des diesjährigen Berichts liegt auf den Kosten gesunder Ernährung. Zwar ist der Anteil der Menschen, die sich eine gesunde Ernährung nicht leisten können, von 37,4 Prozent im Jahr 2021 auf 32,7 Prozent gesunken. Dennoch bleibt gesunde Ernährung für rund ein Drittel der Weltbevölkerung unerreichbar. Besonders dramatisch ist die Situation in Afrika: Dort können sich 66,6 Prozent der Menschen keine gesunde Ernährung leisten.  

Die Kosten einer gesunden Ernährung sind ein wichtiger Indikator. Sie dürfen jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Um Hunger zu bekämpfen, müssen die Ungleichheiten und Machtverhältnisse entlang der gesamten Lebensmittelkette sowie die strukturellen Ursachen von Ernährungsunsicherheit angegangen werden. 

Um den Zugang zu vielfältiger Ernährung zu verbessern, fordert Aktion gegen den Hunger einen Umbau der Ernährungssysteme auf Grundlage agrarökologischer Ansätze. Dazu gehört insbesondere die gezielte Umlenkung öffentlicher Subventionen und Forschungsgelder in diese Form der Landwirtschaft. 

Mittelkürzungen senden das falsche Signal 

Während die humanitären Bedarfe weltweit steigen, werden die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe in Deutschland weiter gekürzt. Nach Einschnitten von rund einer Milliarde Euro im Entwicklungsetat und mehr als 50 Prozent bei der humanitären Hilfe im Jahr 2025 stehen 2026 für humanitäre Hilfe nur noch rund eine Milliarde Euro zur Verfügung – gerade einmal 0,2 Prozent des Bundeshaushalts. Auch der Etat des Entwicklungsministeriums sinkt auf zehn Milliarden Euro und erreicht damit den niedrigsten Anteil am Bundeshaushalt seit 15 Jahren.  

Diese Kürzungen stehen in keinem Verhältnis zu den globalen Herausforderungen und den steigenden humanitären Bedarfen. Laut einer aktuellen forsa-Umfrage sind fast drei Viertel der Deutschen (73 Prozent) der Meinung, die internationale Gemeinschaft müsse mehr Mittel gegen globalen Hunger und Armut bereitstellen.   

„Kürzungen bei Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit sind keine abstrakten Haushaltsentscheidungen. Sie führen dazu, dass Gesundheitszentren schließen, Hilfslieferungen ausfallen und immer mehr Kinder hungern. Wer hier spart, trifft Entscheidungen mit direkten Folgen für Menschenleben“, sagt Jan Sebastian Friedrich-Rust. 

Hinweis an die Redaktionen

Über Aktion gegen den Hunger

Aktion gegen den Hunger ist eine humanitäre und entwicklungspolitische Hilfsorganisation, die weltweit in 57 Ländern und Regionen aktiv ist und rund 26,5 Millionen Menschen unterstützt. Seit mehr als 45 Jahren kämpft Aktion gegen den Hunger gegen Mangelernährung, schafft Zugang zu sauberem Wasser und gesundheitlicher Versorgung. 8.769 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten Nothilfe und unterstützen Menschen beim Aufbau nachhaltiger Lebensgrundlagen.

Pressekontakt

Vassilios Saroglou / Markus Winkler
Tel. 030 – 279 099 776
E-Mail presse@aktiongegendenhunger.de
Website www.aktiongegendenhunger.de

PA: Straße von Hormus: Mehr als 23 Millionen zusätzliche Kinder von Armut bedroht

Neue Analyse zeigt: Jahre des Fortschritts könnten zunichtegemacht werden, Millionen von Kindern tiefer in die Armut geraten und die Ungleichheit weiter zunehmen.

Bis zum Ende des Jahres könnten bis zu 23,4 Millionen weitere Kinder in monetäre Armut abrutschen, da die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten und die damit verbundenen Störungen der Schifffahrt weiterhin schwerwiegende und möglicherweise unumkehrbare Auswirkungen auf Kinder haben. Dies geht aus einer heute veröffentlichten neuen Analyse von UNICEF hervor.

Der Bericht The Impact of the Middle East War on Children in Monetarily Poor Households („Die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten auf Kinder in einkommensarmen Haushalten“) stützt sich auf Daten aus mehr als 167 Ländern und zeigt auf, wie steigende Lebensmittel- und Energiepreise sowie umfassendere wirtschaftliche Schocks infolge der eskalierenden Feindseligkeiten – einschließlich Unterbrechungen im Zusammenhang mit der Schließung der Straße von Hormus – die Kaufkraft von Haushalten verringern. Kinder in den ärmsten Haushalten sind davon überproportional betroffen.

„Kinder zahlen den Preis für die eskalierenden Konflikte im Nahen Osten, auch Kinder weit über die Region hinaus“, sagte Catherine Russell, Exekutivdirektorin von UNICEF. „Je länger dies andauert, desto schwerwiegender werden die Folgen. Die schnell steigenden Lebenshaltungskosten machen Nahrung und Bildung für viele Familien unerschwinglich. Für Kinder, die bereits in Armut leben, verschärfen diese Schocks die Entbehrungen und können Schäden verursachen, die ein Leben lang anhalten.“

Der Bericht untersucht zwei mögliche Szenarien: ein ungünstiges Szenario (adverse poverty) und ein schwerwiegendes Szenario (severe poverty). Das ungünstige Szenario geht von einem moderaten wirtschaftlichen Schock aus, der zusätzlich 18,3 Millionen Kinder in monetäre Armut treiben könnte. Das schwerwiegende Szenario nimmt stärkere und länger anhaltende Störungen von Preisen und wirtschaftlicher Aktivität an und prognostiziert, dass 23,4 Millionen weitere Kinder in monetäre Armut gedrängt werden könnten, falls der Krieg andauert.

Die Analyse zeigt, dass die monetäre Kinderarmut äußerst empfindlich auf makroökonomische Schocks reagiert. Steigende Lebensmittel- und Energiekosten verringern in Verbindung mit begrenztem finanzpolitischem Spielraum in vielen Ländern unmittelbar die Fähigkeit von Familien, ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Die größten Anteile des weltweiten Anstiegs der monetären Armut entfallen auf Asien und Afrika, die zusammen rund 80 % des gesamten Anstiegs ausmachen. Beide Kontinente weisen bereits hohe Armutsraten auf und sind besonders anfällig für externe Schocks.

So hatte die Krise im Nahen Osten beispielsweise in Somalia unmittelbare Folgen. Die Treibstoffpreise in Mogadischu haben sich innerhalb weniger Tage nach der Eskalation mehr als verdoppelt. Dadurch stiegen die Kosten für Lebensmittel, Wasser, Transport und humanitäre Hilfe in einem Land, das zugleich mit einer sich verschärfenden Mangelernährungskrise zu kämpfen hat.

In Äthiopien haben Störungen im Zusammenhang mit der Straße von Hormus zu höheren Treibstoffkosten geführt, die sich auf die Preise lebensnotwendiger Güter auswirken. Die Dieselpreise sind um 31 % gestiegen, während die Kosten für Treibstoff im humanitären Einsatz um 50 bis 70 % zunahmen. Dies erschwert die Versorgung schwer erreichbarer Gemeinschaften mit Hilfsgütern.

In Nigeria haben die wirtschaftlichen Schocks die Armut weiter verschärft. Haushalte mit niedrigem Einkommen geben zwischen 60 und 70 % ihres Einkommens für Lebensmittel und Transport aus. Bereits geringfügige Preissteigerungen verringern daher ihre Kaufkraft erheblich.

In Bangladesch setzt der steigende Preis von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Linsen, Speiseöl, Gemüse, Fisch und Geflügel Familien zunehmend unter Druck. Schätzungsweise 1,2 Millionen weitere Menschen könnten dort in Armut geraten.

Der Bericht warnt, dass die Folgen des Krieges Jahre weltweiter Fortschritte zunichtemachen könnten. Ohne rechtzeitige und gezielte politische Maßnahmen werde die Krise Millionen Kinder weiter zurückwerfen, die Armut vertiefen und es Familien erschweren, sich von den Auswirkungen zu erholen. Darüber hinaus schränkt sie den Zugang von Familien zu Nahrung, Gesundheitsversorgung, Bildung und Schutzdiensten ein, die für die körperliche und kognitive Entwicklung von Kindern unerlässlich sind.

UNICEF ruft nationale Regierungen, Geberländer und internationale Finanzinstitutionen dazu auf, Kinder vor den schwerwiegendsten Auswirkungen der Krise zu schützen. Zu den vorrangigen Maßnahmen gehören:

  • Sicherstellung nationaler und internationaler Finanzmittel für Dienstleistungen und Güter, auf die Kinder angewiesen sind, darunter Gesundheitsversorgung, Ernährung, Bildung und Kinderschutz.
  • Ausbau und langfristige Stärkung sozialer Sicherungssysteme, einschließlich kindgerechter Geldtransferprogramme, sowie die Gewährleistung kontinuierlicher Unterstützung, bevor Subventionen abgeschafft werden.
  • Sicherstellung eines ununterbrochenen Zugangs von Kindern und Familien zu bezahlbaren grundlegenden Dienstleistungen und Gütern, unter anderem durch Mindestausgaben, die an die Inflation angepasst werden.
  • Erweiterung des finanzpolitischen Handlungsspielraums zum Schutz nationaler Investitionen in essenzielle Dienstleistungen, beispielsweise durch die Aussetzung von Schuldendiensten oder Umschuldungsmaßnahmen in Ländern, in denen der Schuldendienst die Ausgaben für Gesundheit, Bildung oder soziale Sicherung übersteigt.
  • Aufbau und Umsetzung kindorientierter Vorsorgesysteme, die eine schnelle und umfassende Unterstützung von Kindern in Krisensituationen ermöglichen, einschließlich internationaler Zusammenarbeit zur Minderung der Auswirkungen aktueller und künftiger Schocks.

„Diese Krise gefährdet das Leben und die Zukunft von Kindern“, sagte Russell. „Wenn die Welt nicht rasch handelt, werden die kombinierten Auswirkungen von Konflikten, wirtschaftlicher Instabilität und steigenden Kosten Millionen Kinder in noch tiefere Armut treiben. Wir könnten erleben, wie hart erkämpfte Entwicklungsfortschritte wieder verloren gehen.“

Hinweise für Redaktionen

Aufgrund des anhaltenden Konflikts und bestehender Datenlücken weist der Bericht darauf hin, dass nur ein Teil der Länder des Nahen Ostens in den globalen Gesamtschätzungen enthalten ist. Zudem werden keine gesonderten Schätzungen für die Region Naher Osten und Nordafrika (MENA) ausgewiesen. Stattdessen werden jene Länder des Nahen Ostens, für die Daten vorliegen, den jeweiligen kontinentalen Gesamtwerten zugerechnet.

Methodischer Hinweis

Der Bericht betrachtet zwei Szenarien – ein ungünstiges („adverse“) und ein schwerwiegendes („severe“) Szenario.

  • Das ungünstige Szenario verfolgt einen konservativen Ansatz und schreibt nur jene Inflationsabweichungen der Krisensituation zu, die über dem Niveau eines hypothetischen Szenarios ohne Krieg liegen.
  • Das schwerwiegende Szenario geht von einer deutlich stärkeren Verschlechterung der makroökonomischen Rahmenbedingungen infolge einer langanhaltenden oder sich verschärfenden Krise aus.

In Übereinstimmung mit der Methodik der Weltbank beziehungsweise der Poverty and Inequality Platform (PIP) wird Armut anhand internationaler Armutsgrenzen bewertet, die den Standards von Ländern mit niedrigem beziehungsweise unterem mittlerem Einkommen entsprechen: 3,00 US-Dollar beziehungsweise 4,20 US-Dollar pro Person und Tag. Soweit Daten verfügbar sind, werden zusätzlich nationale Armutsgrenzen verwendet. Diese kommen jedoch ausschließlich in Ländern zum Einsatz, in denen offizielle nationale Armutsgrenzen oder veröffentlichte nationale Armutsschätzungen vorliegen, aus denen die jeweilige Armutsgrenze abgeleitet werden kann, um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen.

Zum Bericht auf der Website von UNICEF International.

Foto- und Videomaterial zur redaktionellen Nutzung.

UNICEF Österreich
Michael Blauensteiner
Telefon: +43 660 38 48 821
E-Mail: blauensteiner@unicef.at
Website: https://unicef.at

PA: Neuer Südwind-Bericht: Gesundheitsrisiken und prekäre Arbeit prägen den Secondhand-Sektor in Uganda

Wien/Kampala, am 2. Juli 2026. Jedes Jahr landen bis zu 100.000 Tonnen Altkleidung aus dem Globalen Norden in Uganda, 40 Prozent davon sind unbrauchbarer Müll – das entspricht 2.000 vollbeladenen LKWs. Zur Bewältigung dieser Altkleider-Flut entstand ein ganzer Arbeitssektor. Schätzungen zufolge arbeiten in Uganda zwischen 700.000 bis zu indirekt 5 Millionen Menschen im informellem Secondhand-Sektor – sei es als Straßenverkäufer:innen, Schneider:innen, Sortierer:innen oder Müllsammler:innen. Ihr Alltag ist geprägt von finanziellem Druck, Gesundheitsrisiken und existenzieller Unsicherheit. Das zeigt ein neuer Bericht der ugandischen Gewerkschafterin und Forscherin Faith Irene Lanyero, im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Südwind. Der Bericht “Die Menschen hinter den Altkleiderbergen. Arbeitsbedingungen in Ugandas Secondhand-Bekleidungssektor” legt einen Fokus auf die menschlichen Schicksale hinter dem Secondhand-Handel und diskutiert Alternativen für einen gerechten Wandel.

„Unter den Bergen an Altkleidern, die nach Uganda kommen, verbirgt sich eine tiefe soziale und ökologische Krise”, sagt Autorin Faith Irene Lanyero. „Hunderttausende Arbeiter:innen schuften oft ohne freien Tag unter gefährlichen Bedingungen, ohne soziale Absicherung, ohne Gewerkschaftsvertretung und meist ohne Chance auf ein existenzsicherndes Einkommen. Die wachsenden Müllberge werden sogar zu einer Bedrohung für angrenzende Siedlungen, wie der Einsturz der Kiteezi-Deponie 2024 mit 35 Todesopfern zeigte.”

„Der globale Secondhand-Markt ist bei weitem kein nachhaltiger Kreislauf. Die Arbeiter:innen in Ugandas Secondhand-Sektor zahlen den Preis für unseren Fast-Fashion-Konsum. Gemäß dem Prinzip ‘Aus den Augen aus dem Sinn’ werden Europas Müllprobleme auf den Globalen Süden abgewälzt, ebenso wie die Verantwortung über den Umgang mit schädlichen Stoffen, Gesundheitsrisiken und prekären Arbeitsbedingungen”, sagt Lena Gruber, Südwind-Sprecherin für Mode-Lieferketten. „Das Fast-Fashion-System hat den Secondhand-Handel zu einer Müllfalle für den Globalen Süden gemacht.”

70 Stunden-Woche, hohe Belastung, keine Absicherung

Obwohl die Secondhand-Branche oft als nachhaltige Lösung dargestellt wird, ist sie von enormen sozialen und ökologischen Problemen geprägt. In Uganda schafft die Branche zwar viele Arbeitsplätze, die Bedingungen dieser Arbeit sind jedoch höchst prekär. Die meisten Arbeiter:innen haben keine Verträge, keine Schutzkleidung, keine soziale Absicherung und keine Gewerkschaftsvertretung. Befragte berichten von 70-Stunden-Wochen, chronischen Schmerzen, Bluthochdruck oder Atemwegsproblemen, verursacht durch schwere Lasten, Hitze und Staub. Das Einkommen reicht oft nicht zum Leben.

Märkte wie Owino in Kampala sind überfüllt, schlecht belüftet und ohne Schutz vor Regen oder Hitze. Überschwemmungen und Brände sind häufige Gefahrenquellen. Vor allem Frauen arbeiten unter besonders prekären Bedingungen: Zugang zu Toiletten, Mutterschutz oder Kinderbetreuung fehlt. Viele Frauen nehmen daher ihre Babys mit in die gefährliche Arbeitsumgebung. Gleichzeitig verrichten sie oft die am schlechtesten bezahlten Jobs, wie das Tragen von Altkleider-Ballen, Bügeln mit Holzkohle, oder das Ausbessern oder Waschen von Kleidung.

Straßenhändlerin Patricia Nyaketcho berichtet: „Ich arbeite von Montag bis Montag, ohne freien Tag, jeweils zehn Stunden, um meine fünfköpfige Familie zu ernähren. Mein Einkommen reicht nicht aus, um unsere Lebenshaltungskosten zu decken. Die große Menge an minderwertiger Second-Hand-Ware verursacht für mich große Verluste.”

Fehlende Kontrollen und mangelhafte Sortierung

Auch Österreich trägt zu diesen Problemen bei. Mit rund 30 Prozent wird zwar überdurchschnittlich viel der aussortierten Altkleidung gesammelt. Aufgrund fehlender Sortierungs-Infrastruktur wird jedoch mehr als die Hälfte exportiert. Das entspricht rund 22.000 Tonnen, die jedes Jahr in einem intransparenten System des Weiterhandels landen, ohne Überprüfung oder Mitsprache von Zielländern wie Uganda.

„Mit unserer alten Kleidung exportieren wir nicht zuletzt massive Umwelt- und Sozialprobleme. Es kann nicht sein, dass wir unsere Müllprobleme auf andere abwälzen, aufgrund von fehlender Infrastruktur, unzureichenden Kontrollen und Mangel an politischem Willen in Österreich”, sagt Südwind-Expertin Lena Gruber. „Die Menschen am Ende der Lieferketten, die unsere Kleidung aussortieren, weiterverarbeiten und entsorgen, haben ein Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung über den für sie so wichtigen Wirtschaftssektor.”

Denn trotz aller Probleme bietet der Secondhand-Sektor in Uganda vielen Menschen eine wichtige Chance: Für viele Familien ist der Handel mit gebrauchter Kleidung die einzige Einkommensquelle. „Secondhand kann Teil einer nachhaltigen Modewirtschaft sein und hochwertige Secondhand-Ware den Bedarf an Neuproduktion reduzieren. Das zeigen einige ugandische Designer:innen, die aus Altkleidern neue Produkte entstehen lassen“, sagt Lena Gruber von Südwind. „Nachhaltig und respektvoll kann das nur gelingen, wenn die Müllflut aus Europa gestoppt und politische Lösungen für das Fast Fashion-Problem umgesetzt werden.“

Forderungen: Vom linearen Müll- zum gerechten Kreislaufsystem

Südwind fordert auf Basis der Studie einen dringenden Kurswechsel: Das Ziel müsse sein, dass nur wiederverwendbare Kleidung exportiert werden darf. Um Müllexporte in Länder des Globalen Südens zu vermeiden, fordert Südwind den Aufbau von ausreichenden Sortierkapazitäten in den Verbraucher-Ländern, strenge Exportkontrollen und Sanktionen bei Falschdeklaration.

Gleichzeitig braucht es Maßnahmen, um die Überproduktion zu bremsen: Dazu zählen eine ökosoziale Steuerung mit Abgaben auf Billigmode zur Finanzierung von nachhaltigen und sozial gerechten Lösungen. In dem Sinne müssen Modemarken basierend auf der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte verantwortlich gemacht werden.

Rückfragen:
Vincent Sufiyan
Kommunikationsleiter Südwind
Telefon: +43 650 96 77577
E-Mail: vincent.sufiyan@suedwind.at

PA: Hilfskürzungen könnten globale Risiken verschärfen: Studie verknüpft Entwicklungshilfe mit Rohstoffinteressen der EU und USA

  • Brisanter Zusammenhang: Studie  von Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) verknüpft Entwicklungshilfe mit Rohstoffinteressen der EU und der USA
  • Weltweite Folgewirkungen: Kürzungen der EU- und US-Hilfe könnten humanitäre Bedingungen, die Umwelt und Lieferketten beeinträchtigen.
  • Hilfe scheint Rohstoffinteressen zu folgen: Finanzströme scheinen mit Ländern verbunden zu sein, die strategische Rohstoffe liefern.
  • Anhaltende Zweifel an Unabhängigkeit: Zusammenhänge zwischen Entwicklungshilfe und Rohstoffimporten werfen Fragen zu Vergabekriterien auf.
  • Geopolitische Machtverschiebungen: Veränderungen wie die Auflösung von USAID könnten die globale Entwicklungszusammenarbeit neu gestalten.
  • Einzigartige Studie: Basierend auf OECD- und Handelsdaten vergleicht die Studie über 1,7 Millionen Hilfsprojekte mit Handelsströmen über 200 Länder hinweg und ist damit in ihrem Umfang beispiellos. 

Die globale Entwicklungshilfe erlebt nach den jüngsten milliardenschweren Kürzungen durch die größten Geberländer, insbesondere die Vereinigten Staaten und Mitglieder der Europäischen Union, einen bedeutenden Wandel. Ein kürzlich von der OECD veröffentlichter Bericht zeigt, dass 26 OECD-Länder ihre Entwicklungshilfe im Jahr 2025 gekürzt haben. Die weltweit größte Entwicklungsagentur, USAID, wurde im Juli 2025 aufgelöst. Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) untersucht potenzielle Auswirkungen dieser Entwicklungen und hebt mögliche humanitäre, ökologische und geopolitische Folgen hervor, einschließlich neuer Risiken für globale Lieferketten. Die Analyse zeigt systematische Zusammenhänge zwischen offizieller Entwicklungshilfe (Official Development Assistance – ODA) und Handelsbeziehungen. 

Die Studie zeigt, dass ODA – einschließlich Hilfe, die ungebunden, humanitär oder anderweitig nicht mit Handel verbunden ist – offenbar mit geopolitischen Überlegungen und umfassenderen wirtschaftlichen Zielen von Geberländern wie den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union verknüpft ist. Die Studie basiert auf den neuesten verfügbaren OECD- und Handelsdaten und vergleicht Hilfsströme aus mehr als 1,7 Millionen Entwicklungsprojekten mit Handelsströmen zwischen 200 Ländern, was sie in ihrem Umfang beispiellos macht. 

„Zwischen 2011 und 2022 flossen Milliarden an Hilfsgeldern in Länder, die strategische Rohstoffe für die USA und die EU liefern, was auf Bemühungen hinweist, Lieferketten und geopolitischen Einfluss zu sichern. Selbst vermeintlich unabhängige humanitäre Hilfe zeigt starke Verbindungen zu den Handelsinteressen der Geberländer, was darauf hindeutet, dass sie weit stärker geopolitisch und wirtschaftlich motiviert ist als bislang angenommen“, erklärt Studienautor und ASCII-Direktor Peter Klimek. 

EU und USA setzen unterschiedliche Prioritäten bei der Mittelvergabe 

Die Analyse zeigt deutliche Unterschiede in den Finanzierungsprioritäten der beiden größten Geberregionen – der EU und den USA – zwischen 2020 und 2022. Auf die Vereinigten Staaten entfielen über 80 % der globalen Hilfszusagen in den Bereichen Bevölkerungspolitik und reproduktive Gesundheit. Sie trugen außerdem ungefähr 50 % der weltweiten Finanzierung zur Stärkung von Regierungen und Zivilgesellschaft bei. Darüber hinaus waren mehrere Länder wie Ägypten, Indien und Bangladesch stark von US-Hilfe für den Ausbau ihrer Verkehrsinfrastruktur abhängig. Die Europäische Union konzentrierte sich dagegen stärker auf Bildung und soziale Infrastruktur. Über 60 % der weltweiten Finanzierung in diesen Bereichen wurden von EU-Ländern bereitgestellt, ebenso wie mehr als 50 % der Gesamtfinanzierung für Wasser- und Sanitärversorgung. 

Vermeintlich unabhängige oder humanitäre Entwicklungshilfe scheint Handelsinteressen zu folgen 

Während offizielle Entwicklungshilfe darauf abzielt, unabhängig und ohne ausdrückliche Bedingungen geleistet zu werden, zeigt die Analyse für den Zeitraum 2011–2022 anhaltende statistische Zusammenhänge zwischen humanitärer und umweltbezogener Entwicklungshilfe sowie den Rohstoffhandelsmustern der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Diese Muster gehen über Programme hinaus, die ausdrücklich als „Aid for Trade“ klassifiziert werden. Besonders starke Zusammenhänge zeigen sich zwischen biodiversitätsbezogener Hilfe und Importen bestimmter Rohstoffe und Agrarprodukte: darunter Kakao und Kakaoprodukte in die Vereinigten Staaten sowie Erze und Asche in die Europäische Union. Diese Produkte werden in der Fachliteratur häufig mit Umweltbelastungen wie Biodiversitätsverlust, Entwaldung und der Degradierung von Ökosystemen in Verbindung gebracht.

Die beobachteten Korrelationen sind vergleichsweise hoch  die Werte lagen im Untersuchungszeitraum durchschnittlich bei 0,89 für Kakaoimporte in die USA sowie bei 0,86 für Erze und Asche in die EU (auf einer Skala von -1 bis 1). Ähnlich starke Zusammenhänge zeigen sich auch zwischen humanitärer Hilfe in Bereichen wie Gesundheit, Infrastruktur oder konfliktbezogener Unterstützung und dem Handel mit Edelsteinen, Metallen und anderen mineralischen Rohstoffen. Diese Ressourcen stammen häufig aus politisch fragilen oder konfliktbetroffenen Regionen, in denen Rohstoffförderung mit erheblichen ökologischen und sozialen Risiken verbunden sein kann.

Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass höhere Rohstoffimporte der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union systematisch mit höheren Niveaus an Entwicklungshilfe in bestimmten Sektoren der exportierenden Länder verbunden sind. Eine allgemeine positive Beziehung zwischen Handel und Entwicklungshilfe zeigt sich jedoch nicht durchgehend. Die beobachteten Muster stehen mit unterschiedlichen möglichen Interpretationen im Einklang, darunter überlappende geografische Prioritäten, koordinierte politische Strategien oder breitere geopolitische und wirtschaftliche Verflechtungen.

„Humanitäre Hilfe, die formal unparteiisch und unabhängig sein soll, könnte in der Praxis mit Bemühungen verbunden sein, Umwelt-, Gesundheits- und Governance-Herausforderungen zu bewältigen, die mit Rohstoffgewinnung zusammenhängen. Gleichzeitig kann sie mit Bedingungen zusammenfallen, die einen stabilen und vorhersehbaren Zugang zu Rohstoffen für die Vereinigten Staaten und die Europäische Union unterstützen“, erklärt Asjad Naqvi, ASCII-Forscher und Senior Economist am WIFO. 

Zusammenhänge spiegeln bekannte SDG-Konflikte wider 

Die Ergebnisse legen nahe, dass Entwicklungshilfe häufig in Kontexten vergeben wird, in denen unterschiedliche Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele miteinander verflochten sind. Dabei können Zielkonflikte zwischen wirtschaftlicher Entwicklung (z. B. SDG 8) oder Ernährungssicherheit (SDG 2) einerseits sowie ökologischer Nachhaltigkeit, Gesundheit und institutioneller Stabilität (z. B. SDGs 15, 3 und 16) andererseits sichtbar werden. Vor diesem Hintergrund könnten Hilfsströme teilweise mit Bemühungen zusammenfallen, ökologische, soziale oder institutionelle Folgen von Rohstoffgewinnung und wirtschaftlicher Aktivität abzufedern, auch wenn die Analyse selbst keine kausalen Zusammenhänge untersucht. 

„Offizielle Entwicklungshilfe (ODA) gilt als wesentliche Finanzierungsquelle zur Förderung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, daher überrascht es nicht, dass die in dieser Studie identifizierten Zusammenhänge etablierte Zielkonflikte widerspiegeln“, sagt Studienautorin und ASCII-Forscherin Rosie Hayward.

Angesichts des Umfangs der beobachteten Zusammenhänge zwischen Handel und ODA könnten Veränderungen der Hilfsniveaus das Risiko bergen, diese Zielkonflikte zu verschärfen.

US-Rückzug aus Entwicklungshilfe und Fokus auf handelsgetriebene Kooperation verändern geopolitische Dynamiken 

Jüngste Veränderungen im Umfang und in der Ausrichtung der Entwicklungshilfe der Vereinigten Staaten sowie Kürzungen durch andere große Geberländer wie Frankreich und Deutschland deuten auf einen grundlegenden Wandel internationaler Kooperationsmodelle hin. Mit der angekündigten US-Initiative „trade over aid“ zeichnet sich zudem eine stärkere Verlagerung hin zu privatwirtschaftlichen Investitionen und handelsorientierten Partnerschaften als Alternative zur klassischen Entwicklungszusammenarbeit ab.

Solche investitions- und handelsgetriebenen Ansätze könnten jedoch mit ähnlichen Zielkonflikten zwischen den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDGs) verbunden sein, wie sie auch in den beobachteten Zusammenhängen zwischen Handel und Entwicklungshilfe sichtbar werden – insbesondere im Hinblick auf Umweltbelastungen, Gesundheitsrisiken und soziale Auswirkungen rohstoffintensiver Wirtschaftsaktivitäten. Ohne geeignete politische und institutionelle Rahmenbedingungen könnten damit weiterhin Risiken für globale Stabilität, Nachhaltigkeit und soziale Entwicklung verbunden bleiben.

Die Autor:innen der Studie betonen daher die Bedeutung eines internationalen, kooperativen und für alle Beteiligten möglichst vorteilhaften Ansatzes zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Rohstoffsicherheit und nachhaltiger Entwicklung.

Über die Studie
Die Studie kombiniert zwei globale Datensätze: das Creditor Reporting System (CRS) der OECD, das offizielle, standardisierte und vergleichbare Daten zu Hilfsströmen aus dem Entwicklungshilfeausschuss und teilnehmenden Ländern an den Rest der Welt für mehr als 1,7 Millionen Projekte bereitstellt, einschließlich detaillierter Informationen zu Zweck, politischen Zielsetzungen und Zielsektoren, sowie den CEPII-BACI-Datensatz, der jährliche bilaterale Handelsströme für 200 Länder auf Produktebene enthält. Download.

Über das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII)Das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) ist ein unabhängiges, weltweit führendes Lieferketteninstitut für interdisziplinäre, datengetriebene Analysen globaler Produktions- und Logistiknetzwerke – mit dem Ziel, resiliente, nachhaltige und zukunftsfähige Lieferketten zu gestalten. Das Institut wurde als Forschungs-Joint Venture vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) gemeinsam mit dem Complexity Science Hub (CSH), dem Logistikum der Fachhochschule Oberösterreich und dem Verein Netzwerk Logistik (VNL) gegründet. www.ascii.ac.at
 
Kontakt:
Wissenschaft: Asjad Naqvi, asjad.naqvi@wifo.ac.at, +43 680 22 45 790
Pressesprecherin: Ines Matzelle, press@ascii.ac.at, +43 664 25 41 320

PA: Straße von Hormus: Folgen der Schließung treffen mangelernährte Kinder in Somalia und Malawi am härtesten

CARE warnt vor den dramatischen Folgen der Schließung der Straße von Hormus, da die Kosten für lebensrettende Hilfe explodieren / „Wenn lebensrettende Behandlung ausbleibt, wird Hunger zum Todesurteil“

 Die Schließung der Straße von Hormus infolge des Konflikts im Nahen Osten hat dramatische Auswirkungen auf die humanitäre Versorgung im östlichen und südlichen Afrika. Besonders betroffen sind Kinder in Somalia und Malawi, warnt die Hilfsorganisation CARE. Innerhalb von nur zwei Monaten haben sich die Transportkosten für lebensrettende therapeutische Spezialnahrung mehr als verdreifacht – von 55 auf 200 US-Dollar pro Karton. Ein Behandlungsprogramm, das ursprünglich 300 schwer mangelernährte Kinder unter fünf Jahren versorgen sollte, erreicht damit nur noch 83 Kinder.

Eine Analyse von IPC (Integrated Food Security Phase Classification) hat ergeben, dass derzeit jede dritte Person in Somalia unter akuter Ernährungsunsicherheit leidet. Fast zwei Millionen Menschen befinden sich bereits in einer schweren Notlage – rund eine halbe Million mehr als ursprünglich prognostiziert. Für 2026 wird erwartet, dass rund 1,9 Millionen Kinder wegen akuter Mangelernährung behandelt werden müssen.

„Jede Verzögerung, jedes leere Lager bedeutet, dass wir ein Kind nicht rechtzeitig erreichen. Wenn lebensrettende Behandlung ausbleibt, wird Hunger zum Todesurteil. Das darf niemals die Realität für ein Kind sein“, sagt Ummy Dubow, CARE-Länderdirektorin in Somalia.

Malawi: Versorgungsengpässe verschärfen Ernährungskrise

In Malawi leiden derzeit mehr als vier Millionen Menschen – fast ein Viertel der Bevölkerung – unter akuter Ernährungsunsicherheit. Mehr als ein Drittel der Harnstoffimporte und knapp ein Viertel aller Düngemittelimporte des Landes sind von Transportwegen durch die Straße von Hormus abhängig. Die Treibstoffpreise sind bereits um rund 35 Prozent gestiegen.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnt: Ein Rückgang der Düngemittelverfügbarkeit in Subsahara-Afrika um zehn Prozent könnte die regionalen Lebensmittelpreise um bis zu acht Prozent erhöhen – mit direkten Folgen für die Ernährungssicherheit von Kindern und Familien. Für Mädchen steigt zudem das Risiko von Schulabbrüchen und Frühverheiratung.

Weltweit bis zu 45 Millionen Menschen zusätzlich von Hunger bedroht

Das Welternährungsprogramm (WFP) prognostiziert, dass bis Juni weitere 45 Millionen Menschen weltweit von akuter Hungersnot betroffen sein könnten, wenn der Konflikt im Nahen Osten andauert und der Ölpreis dauerhaft über 100 US-Dollar pro Barrel bleibt.

„Die explodierenden Kosten für Lebensmittel, Treibstoff und Transport werden erhebliche Folgen für internationale Hilfseinsätze haben. Und das nach dem Jahr mit den größten Kürzungen humanitärer Hilfsgelder in der Geschichte. Am härtesten trifft es jene, die bereits jetzt unter Hunger, der Klimakrise und Konflikten leiden – darunter vor allem Frauen und Mädchen. Wenn Nahrung knapp wird, verzichten sie oft als Erste auf Mahlzeiten“, warnt Robyn Savage, CARE-Direktorin für weltweite Nothilfeeinsätze.

CARE fordert sofortiges Handeln

Die Wiederöffnung der Straße von Hormus ist entscheidend, damit humanitäre Hilfe Kinder, Frauen und Familien in Krisengebieten erreichen kann. Selbst bei einer sofortigen Wiedereröffnung werden die Lieferketten noch monatelang gestört bleiben.

CARE fordert die internationale Gemeinschaft auf, humanitären Zugang sicherzustellen und die Finanzierung humanitärer Hilfe deutlich auszuweiten. Dazu gehört insbesondere die Unterstützung lokaler und von Frauen geführter Organisationen, die in Krisengebieten an vorderster Front arbeiten. Robyn Savage ergänzt: „Ein anhaltender, inklusiver und umfassender Waffenstillstand ist der einzige Weg, um die Zivilbevölkerung zu schützen und eine globale Hungerkrise zu verhindern. Humanitäre Hilfe muss sicher, vollständig und ungehindert alle Menschen in akuter Not erreichen können.“

Stephanie Weber
Media Officer
CARE Österreich
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